Les Encadados - der Wächter und das Pergament (Teil 2)

Veröffentlicht auf von asmodeus

Epilog – oder unerwartete Wendungen

 

Vor wenigen Wochen ist ein merkwürdiges Dokument aufgetaucht, das möglicherweise dazu geeignet sein könnte, gewisse Hintergründe im Zusammenhang mit den vielen Geschichten um den „Milliardenpfarrer“ aus Rennes-le-Château aufzuhellen. Veröffentlicht im neuesten Auktionskatalog des „Cabinet Honoré d’Urfé“[1], in Paris, ist das betreffende Stück als Blatt aus dem sogenannten „Liber Tobiae“ aufgeführt. Die sehr ausführliche Beschreibung geht über die eigentliche Expertise, welche für das Dokument erstellt worden ist, noch weit hinaus und versucht den Kontext herzustellen, in dem das zur Auktion angebotene Textfragment wahrscheinlich gesehen werden sollte.

 

Es handelt sich um ein einzelnes beidseitig beschriebenes Blatt, von 38 cm x 54 cm, aus einem Folianten. Der lateinische Text scheint um 1140 – 1145 in einem klösterlichen Scriptorium – vermutlich in Chartres – verfasst worden sein und erzählt als Fragment die Geschichte eines gewissen Tobias. Als Mindestgebot sind 4000 Euro angegeben und erhofft wurden Angebote bis zu 8000 Euro.

 

Allem Anschein nach handelt die gesamte Geschichte jenes Tobias im wesentlichen  von den verborgenen Schätzen im Aude. Das ergibt sich schlüssig aus dem Text, in dem zumindest erst einmal sehr viel mehr Namen, Begriffe und sonstige, dem Rennologen vertraute, Wendungen erscheinen, als durch Zufall erklärbar wäre. Einige der auffälligsten Stellen sollen im folgenden beispielhaft kursiv wiedergegeben werden.

 

Die Geschichte des Tobias ist im wesentlichen die eines Kindes, oder vielleicht doch eher die, eines jungen Burschen, der den Tempel in Jerusalem besuchte (TEMPLE DE JERUSALEM) und dort in Gefangenschaft geriet und dann in ein fremdes Land verschleppt wurde. Später gewann er die Gunst des Königs dieses Landes, welcher ihm wieder die Freiheit schenkte. Zugleich weihte ihn dieser König in das Geheimnis um einen grossen Schatz ein. Tobias suchte daraufhin  eine Stadt namens „RAGES“ auf, in deren Nähe der Schatz, im Inneren eines unzugänglichen Berges, verborgen lag. Der Name dieses Berges lautet – EX-BETHANIA“ und die Grösse des Schatzes wird mit zehn Talenten in Gold angegeben. Tobias drang in den Berg ein, wo es ihm gelang, den Schatz an sich zu bringen. Dabei hatte er jedoch einen offenbar geheimnisvollen Helfer, über den aus dem Text nichts weiter zu erfahren ist, als dass er auf den Namen „GABEL“ hörte. Im Anschluss daran besuchte er seine Verwandten – gemeint ist damit vermutlich seine Familie – „um ihnen Trost zu bringen“. In dem Zusammenhang findet im lateinischen Text das Wort „CONSOLAMENTUM“ Verwendung, was man als einen Hinweis auf Zusammenhänge mit den Katharern des Languedoc verstehen könnte. Es wird aber sicherlich so gewesen sein, dass die Tröstung aus einem kleinen Anteil an dem Schatz bestand.

Im Folgenden wird erzählt, dass Tobias bei Sonnenuntergang (im Westen demzufolge) den Schatz erneut, zusammen mit dem Körper eines ermordeten Mannes, vergrub. Diese Stelle kann jedoch auch so gelesen werden, dass er den Schatz dort wieder verbarg, wo dieser Mann begraben liegt. Entweder bereits unmittelbar bei dieser Grablege, oder im Anschluss daran, hatte Tobias Probleme mit dem Dämon „ASMODEUS“.

 

Seine Geschichte endet auf diesem Blatt mit der Erwähnung eines Schlüssels für dieses Geheimnis – „REDDIS CHIROGRAFUM“ und in dem kryptischen Satz: „ES IST GUT, DAS GEHEIMNIS DES VERBORGENEN KÖNIGS“ (regis sacramenta).

 

TobiasmanuskriptkleinDie vielen Bezüge zu Rennes-le-Château sind offensichtlich. Hinsichtlich der Stadt RAGES (gleich Grafschaft Razès) könnten zwar Zweifel aufkommen, falls nicht einfach  nur ein Schreibfehler vorliegt. Da der Name Rhadamanthus, auch im Text vorkommt, erscheint die Gleichsetzung mit Rhedae im Razès legitim. Vielleicht steckt aber auch eine bestimmte Absicht dahinter – zum Beispiel ein Code. Immerhin geht auch der Autor der Expertise relativ sicher davon aus, dass in dem Text ein Geheimnis im Aude beschrieben wurde. Er geht sogar noch weiter, indem er dem Text eine Botschaft entnimmt, der zu folge im Razès ein Schatz im Wert von ungefähr 6 Millionen Goldfranc verborgen liegt. (Zehn Talente Goldmünzen entsprechen sechstausend Drachmen oder einem Gewicht von ca. 450 Kilogramm Gold. Und 6 Millionen Goldfranc  wären, grob geschätzt, 60 Millionen Euro.) Dass Tobias bestimmt einen Helfer benötigte, als er den Schatz hob, erscheint angesichts dessen Gewichtes von fast einer halben Tonne sogar realistisch. Die Stadt RAGES soll, laut Erzählung, in den Bergen von EX-BETHANIEN, in media terra liegen – im Land zwischen den Meeren, was auf Rennes-le-Château ebenfalls zuträfe. Ihre Lage, gemeint ist wahrscheinlich die Lage des Schatzdepots, ist heute auch deshalb nur noch sehr schwer zu bestimmen, weil sie später (nach den Abenteuern des Tobias) völlig zerstört, dem Erdboden gleich gemacht, worden sei. Was allerdings die Frage aufwirft, wie der Scriptor, in dem Kloster bei Chartres, um 1140 schon, von der viel späteren Zerstörung Rhedas gewusst haben kann? Es sei denn, die Stadt sei vorher schon einmal schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, während der Herrschaft der Wisigoten beispielsweise. Vielleicht wird dabei auf eine Naturkatastrophe angespielt, auf ein starkes Erdbeben beispielsweise, welches den Ort an dem Tobias den Schatz verbarg unkenntlich und/oder völlig unzugänglich machte.[2] 

 

In der Expertise wird die Auffassung vertreten, dass sich das Dokument zu Beginn des XX. Jh. in den Händen eines Geistlichen befand, der sich intensiv mit dem Inhalt auseinander setzte. Denn bei dem Pergament fand sich ein Anhang „C“, bei dem es sich um eine Niederschrift aus dieser Zeit handelt. Der unbekannte Autor analysierte die Geschichte des Tobias und verfasste einen historischen und biblischen Kommentar zu ihr. Überdies beschrieb er den damaligen Zustand des Pergaments, das mit seiner Rückseite auf Karton aufgeklebt und bis zu seiner Restauration, vermutlich durch den Geistlichen, nur auf einer Seite lesbar war. Es diente in dieser Form gewissermassen als Deckel für einen ganzen Packen verschiedener, wichtiger, mittelalterlicher Dokumente[3] – aus dem Besitz der Familie de Hautpoul. Man kann deshalb tatsächlich mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass das Tobias-Pergament der Affäre Rennes-le-Château zuzuordnen wäre. Weiter heisst es im Auktionskatalog, dass der betreffende Geistliche Zugang zu dem Pergament gehabt haben muss, dass es sich jedoch nicht in seinem Besitz befunden haben kann. Weil es, zusammen mit dem erwähnten Packen mittelalterlicher Dokumente, in einem Safe der Familie Hautpoul, bei einem Notar in Qouiza unter Verschluss gehalten wurde. Aus dem Bestand dieses Notariats sind die alten Dokumente von einem Antiquar angekauft worden. Der Name des Notars, welcher die Pergamente der Hautpouls in Verwahrung hatte, lautet Maître Bernard Siau.

 

Und hier beginnt sich ein Kreis zu schliessen. Oder sollte schon wieder einmal der pure Zufall dafür gesorgt haben, dass sich ein wichtiges mittelalterliches Pergament in den Händen ausgerechnet eines Maître Siau befand, und das die Konzession für eine Bergwerksanlage, in der ein sagenhaftes Schatzdepot verborgen sein soll ebenfalls auf den Namen Siau lautete? Ein Pergament, in dem die Geschichte jenes Schatzes aufgeschrieben worden war?

 

Ist es ebenfalls nur Zufall, dass erst zu Beginn des XX. Jh., durch einen Geistlichen – das kann jeder der Abbé, Saunière, Boudet, Gélis, oder ein anderer gewesen sein – die bis dahin verklebte Rückseite jenes Pergaments wieder lesbar gemacht wurde und das kurz darauf die Konzession für die Mine Encadado von Mr Castel an Mr Siau überging?

 

Warum war man in der Familie d’Hautpoul, die als Bewahrer eines grossen, alten Geheimnisses gilt, der Ansicht, dass ein Blatt aus einem alten Buch, auf dem ein kurioses Abenteuer erzählt wird, unbedingt an einem sicheren Ort, im Safe eines Notars verwahrt sein müsste?

 

Die grosse Hurerei

 

Negri Platte soloDann nahm ich die Spur von einer anderen Seite her auf. Denn bei meinen weiterführenden Recherchen liess mich eine an sich völlig unscheinbare Information stutzig werden. Sie veranlasste mich dazu, mir die Grabplatte für Marie de Nègre noch einmal genauer anzusehen. Immerhin stellt diese Grabplatte so etwas wie einen echten Beleg dar, unter all den vielen falschen und verfälschten Dokumenten in Sachen Rennes-le-Château.

 

Fest steht, dass dieses Grabmal existierte und die Abbildungen von der Platte in zahllosen Publikationen auf einer unverdächtigen Quelle basieren.

 

Abbé Saunière soll die Platte angeblich zerstört haben, nachdem er die seltsamen Inschriften auf dem Grabstein entschlüsselt hatte. Er wollte dadurch verhindern, dass ein anderer ebenfalls hinter das Geheimnis der Inschriften kommen könnte. Diese Episode gehört bekanntlich zum Kanon der Saunière-Saga. Ist aber ganz offensichtlich von Noel Corbu erfunden worden. Und die Geschichte wirkt wenig überzeugend. Denn nicht lange, nachdem Saunière die Spuren auf diese Weise verwischt haben soll, entdeckte ein gewisser Eugen Stublein, auf der Suche nach alten Grabsteinen, die zerbrochene Platte in einem Winkel des Friedhofes. Er fertigte eine Zeichnung von der Platte an, für sein Buch „Pierres Gravées du Languedoc“. Das Buch ist heute unauffindbar und es wird bezweifelt, dass dieses Buch jemals verlegt worden ist. Wasser auf die Mühlen der Skeptiker. Doch bereits im Jahr 1905 war Marie de Nègres Grabstein von der SESA erfasst worden und eine Abbildung ist im „Bulletin de la Société des Etudes Scientifiques de l’Aude“ (S.E.S.A.) enthalten. Saunière soll davon nichts gewusst haben, was ja durchaus möglich ist. Doch wenn es ihm darum gegangen wäre, alle Spuren zu verwischen, dann hätte er die Platte nicht nur in zwei Teile zerbrochen, während er die Inschriften auf der anderen Platte unleserlich machte.[1]

 

Im Museum von Rennes-le-Château ist heute eine Kopie von der aufrecht stehenden Platte ausgestellt. Das Original befindet sich in Privatbesitz. Ein SESA-Mitglied hatte das Stück aus Rennes-le-Château mitgenommen. Im Jahr 1980 wurde die Platte dem Musée Lapidaire de Carcassonne angeboten. Da das Museum jedoch kein Interesse an dem Objekt hatte, blieb es bis heute in den Händen der Erben des Finders. Die Bodenplatte, auf der die Gravuren gelöscht worden sind, verbaute Saunière im Fussboden des Ossariums, auf dem Friedhof von Rennes-le-Château.

 

Die Inschriften auf beiden Platten sind unbestreitbar seltsam und ungewöhnlich. Um einfache, übliche Nachrufe handelt es sich, auf der aufrecht stehenden und erst Recht auf der am Boden liegenden Platte, ganz gewiss nicht. Der Verfasser verfolgte mit seinen Gravuren ganz bestimmte Absichten, die offenbar darin bestanden, eine verborgene Botschaft zu hinterlassen.[2]

 

Negri Dalle DimdeNicht eben wenige Doktorarbeiten sind in den vergangenen Jahrzehnten über die Inschriften auf dem Grabstein verfasst worden. Doch ist es bisher keinem Menschen gelungen, hinter das Geheimnis der Gravuren zu kommen – wenn man einmal davon absieht, dass dieses Kunststück dem Abbé Saunière, in relativ kurzer Zeit, ja trotzdem geglückt sein soll.

 

Ich sehe davon ab, hier detailliert auf die vielen, oftmals überaus komplizierten, oder auch völlig überdrehten, Entschlüsselungsversuche näher einzugehen. Schon deshalb, weil sie im günstigsten Falle lediglich zu nicht gerade sinnvollen Ergebnissen führten. Schon bei einem Vergleich der beiden hier, im Text, abgebildeten Skizzen ist ersichtlich, dass sie sich in manchen Details unterscheiden. Folglich scheiden Entschlüsselungen, welche auf fehlerhaften Abbildungen beruhen, von vornherein aus.

 

Der eigentliche Nachruf auf der Stele besteht nur aus Text. Auf der Grabplatte dagegen ist ganz unverhohlen eine verschlüsselte Botschaft eingraviert. Die Übersetzung des Nachrufes lautet: HIER LIEGT DIE EDLE MARIE DE NEGRE D’ABLES, FREIFRAU VON HAUTPOUL DE BLANCHEFORT, BESTATTET IM ALTER VON SECHUNDSIEBZIG JAHREN. VERSTORBEN AM XVII (17.) JANUAR MDCCLXXXI (1781). RUHE IN FRIEDEN. In meiner Übersetzung sind die absichtlichen Fehler unberücksichtigt geblieben. Diese Rechtschreibfehler sind derartig grobe Schnitzer, dass kein Zweifel an der Absicht bestehen kann. Sie sind Bestandteile des Codes, genau so, wie die kleinen hoch oder tief gestellten Lettern und die falsch getrennten Worte.

 

  • Statt CT müsste es richtig CI heissen
  • Der letzte Buchstabe von NOBLE ist als kleines e geschrieben
  • Der Name Marie ist nach dem M auf die nächste Zeile umgebrochen worden
  • Statt ARLES müsste der richtige Name ABLES lauten
  • In DHAUPOUL fehlt das T
  • Bei De ist ein kleines e verwendet worden
  • SOIXANTE ist getrennt, als SOIX und ANTE geschrieben
  • In SEPT ist das P klein geschrieben und tief gestellt
  • Das Todesjahr enthält ein O (oder eine Null), wo eigentlich ein C stehen müsste
  • REQUIESCAT IN PACE ist falsch geschrieben, als REQUIES CATIN PACE

 

Aus den klein und falsch  geschriebenen oder weggelassenen Buchstaben lassen sich die zwei Worte MORT (Tod) und EPEE (Schwert) bilden. Bisher scheint das die einzige mögliche Buchstabenkombination zu sein, welche zu sinnvollen Worten führt. Und so hat man sich weitgehend auf diese Lösung geeinigt. Eine Lösung, die im Übrigen ebenso rätselhaft bleibt, wie es die Grabinschrift auch zuvor schon war, die folglich als Lösung weitgehend unbrauchbar ist.

 

catines larveEs ist völlig ausgeschlossen, dass ein Steinmetz bei der Beschriftung eines Grabsteins solche haarsträubenden Fehler begeht, und dass der Auftraggeber ihm ein derartig vermurkstes Stück abgenommen haben soll, um es am Grab einer adligen Dame aufzustellen – wenn dahinter nicht eine ganz bestimmte Absicht stecken würde. Pikantes Detail dabei: CATIN soll früher ein Schimpfwort gewesen sein, gleichbedeutend mit Hure. Sehr befremdlich und zugleich sehr verständlich, dass sich an dem Wort die Gemüter und die Phantasien erhitzten. Man wollte nur zu gerne darin einen versteckten Hinweis auf Maria-Magdalena sehen, den der Abbé Bigou bestimmt um einiges pietätvoller hätte geben können. Ich denke, mit diesem auffallenden Rechtschreibfehler sollte auf etwas völlig anderes aufmerksam gemacht werden. In dem Wort CATIN steckt eine ganz andere Bedeutung als gemeinhin angenommen. Welche Bedeutung – das wurde mir klar, als ich weitere Recherchen zu den alten, verschollenen Goldminen der Region anstellte. Dabei erfuhr ich zu meiner nicht geringen Überraschung, dass die oftmals engen Löcher, durch welche man in alte Minen gelangt, in der Gegend um Rennes-le-Château, seit alters her Catines genannt werden – die „Catines de l’Aude“, wie das nebenstehende Foto beweist.[3] Erscheint es demnach nicht viel näher liegend, das Wort CATIN auf dem Grabstein von Marie de Nègri in diesem Sinne als Hinweis auf eine alte Mine zu interpretieren? Im Gesamtzusammenhang würde es jedenfalls unvergleichbar mehr Sinn machen, als der zusammenhanglose Hinweis auf eine Hure.

 

mort epeeAnhand eines Diagramms von Alain Feral soll hier beispielhaft gezeigt werden, auf welche Weise sich der vermeintliche Schlüssel MORT EPEE bilden lässt. Diese Zwischenlösung muss nicht unbedingt verkehrt sein. Doch wenn man schon damit beginnt, die markanten Zeichen im Text durch Linien zu verbinden, dann liegt doch der Gedanke nahe, dass die dabei entstehenden geometrischen Figuren selbst ein Teil der Lösung sein könnten. So etwas, wie eine Schatzkarte, oder besser eine Schablone, welche erst noch auf eine geographische Karte übertragen werden soll.  Doch auf welche Karte – bzw. auf welchen Kartenausschnitt?

 

Aller Voraussicht nach kommt dafür nur eine ganz bestimmte Karte infrage – diejenige Karte nämlich, welche zu Füssen der aufrecht stehenden Stele, in die Deckplatte des Grabes von Marie de Nègre eingraviert worden ist. Denn eine Karte – einen Plan – stellen die kryptischen Zeichen auf diesem Stein dar. Saunière wusste diese Karte zu lesen. Vermutlich dient diese Karte der Orientierung in einer labyrinthartigen unterirdischen Anlage.

 

Im Labyrinth

 

312 kleinWegen der extremen Risiken, und weil unsere eigenen Untersuchungen immer noch nicht abgeschlossen sind, hatten wir vereinbart, die genaue Position der Zugänge in den grossen Minenkomplex westlich von Rennes-le-Château vorerst nicht publik zu machen.  In unseren Berichten und Beschreibungen sollte nach Möglichkeit nichts auf die exakte Lage hinweisen. Wir hielten es daher für eine gute Idee, den gesamten Minenkomplex „Mine Encadado“ zu nennen. Obwohl wir uns natürlich von Beginn an im Klaren darüber gewesen sind, dass wir es mit verschiedenen, einzelnen Minen zu tun haben würden, die ihre eigenen Namen trugen. Da diese einzelnen Anlagen aber mitunter ineinander übergehen oder miteinander verbunden gewesen sein sollen – was die Angelegenheit ja schliesslich so überaus interessant erscheinen lässt – einigten wir uns also darauf, die Gesamtanlage, in dem Dreieck zwischen Esperaza, Rennes-le-Château und Quiza, unter einem Namen zusammen zu fassen. Obendrein gingen wir anfangs irrigerweise davon aus, dass die unter Wasser stehenden Tunnel und die Cavernen, welche wir im Sommer untersuchten, die berüchtigte Mine Encadado sei. Erst später, im Verlauf meiner weiteren Recherchen, stellte es sich heraus, dass wir in jenem Grubenabschnitt unterwegs gewesen sind, der früher die Bezeichnung „Le Canal“ trug. Was mit der Beschreibung von d’Arcons im Einklang steht.

 

DSC07802kleinEin befreundeter Speleo, Initiator und langjähriger Leiter des „Freundeskreises Henri Boudet“, in Rennes-les-Bains, beschrieb mir schliesslich die ungefähre Position der eigentlichen Mine Encadado. Er war überdies mit dem Sohn des in den 40er Jahren tragisch verunglückten Mineurs Clemente persönlich bekannt. Und so erfuhr ich weitere Einzelheiten über das alte Bergwerk.

 

Wir suchten nach einer Antwort auf die Frage, wo der Schatz von Rennes-le-Château zu suchen wäre. Denn es erschien uns müssig, uns die Köpfe darüber zu zerbrechen, ob der Krösus von Rennes-le-Château, Abbé Saunière, die Bundeslade gefunden haben könnte – die ihn statt reich, wahrscheinlich eher strahlenkrank gemacht hätte Wir wollten uns auch nicht endlos mit dem Für und Wider im Kreise drehen, ob der Curé überhaupt einen Schatz gefunden hatte oder nicht. Jede Schatzsuche geht im Grunde genommen bis zum Schluss mit dem Risiko einher, dass der Sucher einem Phantom nachjagt. Gewissheit muss man sich erst verschaffen. Wir meinen nun also an einem Punkt angekommen zu sein, an dem zwar noch längst nichts mit Gewissheit gesagt werden kann, an dem dennoch ein paar Encadado April 2010 (9)kleinDinge deutlicher erkennbar werden. Die uralten Legenden und Überlieferungen, welche von einem  unermesslich reichen Schatz erzählen, der in einem alten Bergwerk bei Rennes-le-Château verborgen liegen soll, scheinen zumindest einen wahren Kern zu haben. Sind dunkle Erinnerung an wirkliche Ereignisse, in der überaus abwechslungsreichen Geschichte des Razès.  Dass die Wisigoten beispielsweise in oder nahe bei ihrer Capitale Rhedae einen Teil ihrer enormen Goldschätze deponiert haben könnten, liegt ja schliesslich auf der Hand. Und diese Vermutung wird von verschiedenen Historikern geteilt.

 

Wir raten nochmals ausdrücklich davon ab, in diese alten Minen einzudringen. Es besteht wirklich allerhöchste Lebensgefahr. Der letzte tödliche Unfall passierte gegen Ende der 40er Jahre, woraufhin die Grube aufgegeben wurde. Seitdem sind dort keine Sicherungsmassnahmen mehr vorgenommen worden. Die Stollen sind durch Lehmboden vorgetrieben. Sie verlaufen über weite Strecken nicht etwa durch den Fels. Schon die normale Luftfeuchte sorgt für ständige Erosion. Wände und Decken sind völlig unberechenbar instabil. Bei unserer Exkursion in Le Canal entgingen wir selbst nur mit viel Glück einem Deckeneinsturz in einer der Cavernen. Wozu auch ein derartiges Risiko eingehen? Wir konnten uns davon überzeugen, das ein Vorstoss bis in die alten  Gangsysteme, direkt unter Rennes-le-Château, Encadado 22-11-2009 (96)kleinvon Le Canal und von Encadado aus, offenbar nicht mehr möglich ist. Es existierten bereits um 1650 keine Verbindungen mehr. In den 350 Jahren, die inzwischen vergingen, sind noch mehr Streckenabschnitte eingestürzt. Sollte Abb´Saunière einen Schatz in einer alten Mine entdeckt haben, dann muss er durcch einen bisher unbekannten Zugang dort hinein gelangt sein. Wir kennen jetzt ungefähr den Verlauf der alten Bergwerksanlagen. Nun müssten diese Strecken an der Oberfläche nach anderen Catines abgesucht werden. Dabei ist allerdings damit zu rechnen, dass Saunère den Zugang verschlossen und gut getarnt haben wird.

 

 

Udo Vits, Dezember 2009

(mit freundlicher Genehmigung des Autors)

 

 

 

encadadokarte florianklein

 

siehe auch: http://rennes.digital-culture.de/content/view/187/2/

 



[1] Das Grabmal bestand aus einer aufrecht stehenden Platte, zu deren Füssen eine weitere Platte lag.  Im Text ist der Einfachheit halber die Rede von „der“ Grabplatte, wenn auch „die“ Grabplatten gemeint sind. U.V.

[2] In dem Buch „Rennes-le-Château, Capitale Secrète de l’Histoire de France“, von Deloux und Brétigny, ist ein Foto des noch erhaltenen Grabsteins veröffentlicht worden

[3] Quelle: « Trésors de l’Histoire », Nr. 52, Juni 1989

 

 



[1] Cabinet „Honoré d’Urfé“ 62 rue Vaneau, 75007 Paris.

[2] Solch eine Naturkatastrophe könnte sich beispielsweise ereignet haben, als der See, welcher früher einmal die Couleursschlucht ausfüllte, seinen natürlichen Damm durchbrach und die Gegend um Esperaza verwüstete...

[3] Einige dieser Dokumente sind datiert auf das Jahr 1307, in Bugarach

 

Veröffentlicht in Berichte und Materialien

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