Les Encadados - im Labyrinth

Veröffentlicht auf von asmodeus

In einem kleinen Dorf namens Rennes-le-Château verprasste der Pfarrer Bérenger Saunière von 1896 bis 1917 eine Geldsumme im heutigen Wert von etwa 9 (neun) Millionen Euro - obwohl sich sein Jahreseinkommen auf nur 355 DM belief! Seit einem Jahrhundert sind Schatzjäger auf der Suche nach der Quelle dieses Vermögens, doch bislang ohne Erfolg.

 

Quelle:   http://www.muenster.de/~dk2/rennes.htm

 

  

0133Eine inzwischen längst schon unüberschaubare Flut von Veröffentlichungen beschreibt die besagte Affäre in ihrer Quintessenz so, oder so ähnlich – wie der Autor jener Webseite, es beispielsweise tut. Das Thema bot den Stoff für nicht wenige Bestseller. Aber gerade in diesen millionenfach verkauften Büchern (zuletzt Dan Browns „Sacrileg“, mit einer Auflagenhöhe von ungefähr 40 Mio Exemplaren...) spekulierten die Autoren vordergründig darüber, woraus der „geheime Schatz von Rennes-le-Château“ wohl bestehen könnte. Vielleicht macht das ja den überwältigenden Erfolg derartiger Bücher aus. Denn es soll sich nicht um einen „einfachen“ Goldschatz handeln, den der Curé seinerzeit entdeckte – und würde er auch die märchenhaften Schätze Ali-Babas neben sich verblassen lassen. Nein, vieles scheint dafür zu sprechen, dass es dabei um noch mehr gehen könnte, als um Gold und Edelsteine. Möglicherweise waren und sind höchste kirchliche Würdenträger, gar der Vatikan, in die Affäre ebenso verwickelt, wie Vertreter des europäischen Hochadels.

 

Natürlich geht von der Annahme, dass Bérenger Saunière das „Letzte Grab Christi“[1] gefunden haben könnte, um daraufhin mit seinem Wissen den Heiligen Stuhl zu erpressen, eine nicht geringe Faszination aus. Und das gilt in dem gleichen Masse für ähnlich gelagerte Vermutungen anderer Forscher und Autoren, welche das Grab von Maria-Magdalena, den Heiligen Gral, die Bundeslade oder all das zusammen, in der näheren Umgebung von Rennes-le-Château finden oder gar gefunden haben wollen. Dabei stützen sie sich anfangs auf nachprüfbare Fakten und stellen davon ausgehend zunächst realitätsnahe Überlegungen an. Leider geht dieser Realitätsbezug dann zumeist recht bald verloren.

 

Uns erscheint es daher sinnvoller, der Frage nachzugehen, wo der Schatz von Rennes-le-Château zu suchen wäre, um ihn endlich zu heben, statt uns lediglich auszumalen, woraus er bestehen könnte.

 

 Auf der Suche nach dem verfluchten Gold

 

Bei unseren Recherchen stiessen wir immer wieder auf den Namen eines Mannes – César d’Arcons. Eines französischen Bergbauingenieurs, den der französische König Louis XIV mit dem Auftrag ins Languedoc geschickt hatte, die Abbauwürdigkeit alter Bergwerke zu untersuchen. Sein Bericht, aus dem Jahre 1668, stellt so etwas wie einen der Hauptausgangspunkte für so ziemlich alle Jäger nach den Schätzen von Rennes-le-Château dar. Sicherlich nicht zu Unrecht, zumal sein Bericht durch zahlreiche weitere, unverdächtige Quellen gestützt wird. D’Arcons detaillierter Beschreibung ist zu entnehmen, dass er von zwei Einheimischen zu einer alten Bergwerksanlage geführt wurde, in die er ungefähr 350 m weit eindrang. Das Bergwerk scheint, seiner Auffassung nach, ursprünglich in der gallo-römischen Epoche angelegt worden zu sein. War offenbar in der Vergangenheit verschiedentlich stillgelegt und dann wieder in Betrieb genommen worden, so dass immer neue Minenabschnitte entstanden, die oftmals mit älteren, aufgegeben Anlagen, in Verbindung standen, weil sie von dort aus weiter in den Berg getrieben worden waren. Oder die Bergleute trafen beim Vortrieb neuer Stollen auf ältere Anlagen. So waren auch d’Arcons Führer vor zwanzig Jahren das letzte Mal in dem Bergwerk unterwegs, ehe sie es mit dem Ingenieur wieder aufsuchten. Sie erkannten alte Stollen wieder, welche seitlich abzweigten, aber inzwischen verstürzt waren, so, wie der ehemalige Hauptförderschacht, der von oben senkrecht über 200 m tief in den Berg reicht, bis zu dem Stollen, in dem sich d’Arcons aufhielt. Dieser Stollen hat d’Arcons zufolge eine Höhe von 6 Fuss und ist ebenso breit. Er dient eigentlich der Entwässerung. Der Ingenieur erwähnt ausserdem eine Quelle, deren Wasser durch diesen Stollen abfliesst und er sagt, dass: „Restliches Material, welches sich dort an einigen Stellen befindet, zeigt, dass es ein Goldbergwerk war.“

 

Leider ist dem Bericht nicht zu entnehmen, wo sich dieses alte Goldbergwerk befindet. „Aber die anschauliche Beschreibung, die er von dem Ort gibt, und die Hinweise bei anderen Autoren, lassen, wie wir noch sehen werden, den Schluss zu, dass es sich vermutlich um das Bergmassiv von Blanchefort handelt.“[2] Weil César d’Arcons die Mine mit dem Namen „Strate de Albezun“ bezeichnete, geht man allgemein davon aus, dass damit eigentlich nur entweder der Blanchefortfelsen oder das Felsmassiv von Le Bézu namensgebend gewesen sein können. Auf den ersten Blick wirkt das recht überzeugend. Denn beide Burgen werden in mittelalterlichen Urkunden unter der römischen Bezeichnung „albedunum“ erwähnt. Und so beschränkten sich die weiteren Recherchen und Überlegungen aller Forscher ausschliesslich auf diese zwei Orte, als gäbe es keine Alternativen.

 

Verschiedentlich wird heute gerne der Versuch unternommen, die Existenz von Goldminen bei Rennes-le-Château generell ins Reich der Fabel zu verweisen. Zu Unrecht, wie wir meinen. Denn d’Arcons Bericht ist ein nur zu eindeutiger Beleg und nicht der einzige. Seinen damaligen  Untersuchungen vor Ort gingen andere Aktivitäten voraus. Im Jahr 1633 verfasste ein gewisser Guillaume Catel, in seiner Eigenschaft als Berater des Parlaments, in Toulouse, eine Expertise: „Im Razès, gibt es in der Nähe der herrschaftlichen Bäder, in der Diözese von Alet, Gold- und Silberbergwerke, und man sieht dort noch immer die Öffnungen und Carrieren, aus denen die Alten gefördert haben... Unsere Vorfahren hatten den Brauch, grosse Kolonien von Deutschen ins Land zu holen, um diese die wertvollen Metalle abbauen zu lassen.“[3]

 

Einer der Amtsvorgänger des weitaus bekannteren Abbé Henri Boudet, der Curé Delmas, verweist 1709 in seinen Untersuchungen über die Altertümer von Rennes-les-Bains, auf die Überreste von Gold- und Siberminen, beim „Roco Nègro“, einer auffälligen Felsformation, nahe bei Blanchefort.

 

Über dieselbe Goldmine schreibt der Indentant des Languedoc, Lamoignon des Basville, im Jahr 1734: „Die Römer eröffneten an verschiedenen Stellen Goldminen in den Bergen, wie von Abbé Delmas 1709 erwähnt, aber diese Minen sind heute erschöpft, oder die Fähigkeit hier noch Schätze zu finden, ist verloren gegangen, so dass sie jetzt verborgen bleiben, weshalb uns nichts anderes übrig bleibt, als von ihnen zu träumen.“

 

Basville bringt nun noch ein weiteres Element ein. Indem er verborgene Schätze erwähnt, spielt er tatsächlich auf Schatzdepots an, die in den alten Minen in dieser Region angelegt worden sein sollen, wie es zahlreiche alte Überlieferungen erzählen. Hierher gehört beispielsweise die Legende vom Schäfer Paris, der 1645, auf der Suche nach seinem verirrten Schaf, in den Bergen um Blanchefort, in einer Grotte, einen gewaltigen Goldschatz entdeckt haben soll. Im Jahr 1832 verarbeitete Labouisse-Rochefort die Geschichte vom Hirten Paris, in seinem Reisebericht und begründete damit eigentlich erst die Mythe des verwunschenen, vom Teufel bewachten „Trésor de Blanchefort“.  Noel Corbu, Erbe des Anwesens von Abbé Bérenger Saunière, spann dann dieses Garn weiter, indem er es phantasievoll ausschmückte. Seinen Abenteuerroman legten später beinahe alle Forscher und Autoren ihren eigenen Arbeiten im wesentlichen zugrunde.[4] Und so muss man sich wirklich nicht darüber wundern, dass die Suche nach den alten Goldminen und den Schätzen von Rennes-le-Château bisher weitgehend vergeblich verlief. Erst Recht, wenn man sich vor Augen hält, dass auch anderen Experten, viel früher schon, bei ihrer Suche nicht viel mehr Erfolg beschieden gewesen ist, ohne dass sie von Fehlinformationen in die Irre geführt worden wären. Die beiden Chemiker Bertholet und Julia[5] beispielsweise, die nach mehreren Exkursionen resigniert aufgaben: „Wir sind immer noch überzeugt von der Existenz einer Goldmine, von der die örtlichen Traditionen berichten, denen zufolge sie an einer Flanke des Blanchefort liegt. Sie wurde beschrieben von Catel, ebenso wie von Basville,  ferner von Gensanne[6] 1776, und von Barente, im Jahr 1802. Alle unsere Nachforschungen blieben trotzdem erfolglos...“

 

Einer uralten  Legende zufolge, hätten die Wisigoten, unmittelbar nach ihrer Ankunft in der gallischen Provinz, während sie sich auf der Höhe von Rennes-le-Château ansiedelten und dort das alte Rhedae gründeten, einen Teil ihrer gigantischen Beute in einer alten römischen Mine, unterhalb von Blanchefort, eingelagert. Darunter könnten sich wiederum Stücke befunden haben, welche sie im August 410 bei der Plünderung Roms in ihren Besitz gebracht hatten. Ausgangspunkt für Spekulationen über den Verbleib von Heiligtümern aus dem Tempel in Jerusalem, die insofern grundsätzlich nicht von vorn herein abgelehnt werden müssen. Dieses Depot sei später von den Templern gefunden worden, die einen Teil davon bargen, wobei sie den Anschein erweckten, in einer Mine Gold abzubauen.

 

Wieder andere Legenden ranken sich um einen reichen Schatz, den die spanische Königin Blanche de Castille[7], entweder direkt in geheimen Gewölben unter dem Schloss von Rennes-le-Château, oder in der näheren Umgebung deponiert haben soll. Auch in dem Zusammenhang findet eine alte Mine bei Blanchefort Erwähnung.

 

An beinahe alle historischen Ereignisse knüpfen sich Berichte und Legenden über sagenhafte Schätze. Dabei wird zumeist übersehen, daß in und um Rennes-le-Château nicht allein die Suche nach den großen, den namhaften Schatzverstecken sinnvoll sein kann. Oft genug blieb den Einwohnern von Rhedae nichts anderes mehr übrig, als ihre Wertsachen vor feindlichen Heeren, vor Räubern und Marodeuren irgendwo in der Nähe, im Berg zu verstecken. Und unzählige Menschen hatten nach solchen Massakern keine Gelegenheit mehr, ihre „kleinen“ Schätze wieder zu bergen, weil sie einen grausamen Tod gestorben waren.

 

Je eingehender wir uns mit all diesen alten Berichten und mündlichen Überlieferungen beschäftigten, umso verständlicher wurde uns, warum beispielsweise die von César d’Arcons beschriebene Goldmine so schwer wiederzufinden ist.  Aber, sollte es nicht trotzdem möglich sein?

Ein Mausoleum der ganz besonderen Art

 

Im Jahr 2002 beschloss ich zunächst einmal der bereits erwähnten Geschichte vom Jesus-Grab im Pech Cardou auf den Grund zu gehen. Denn ich hatte einige Zeit zuvor, als ich Rennes-le-Château zum ersten Mal besuchte, etwas entdeckt: Im Verlaufe einer Exkursion am Pech Cardou, hielt ich damals angestrengt Ausschau nach der Ruine von Blanchefort. Die spärlichen Mauerreste, am Gipfel des Felsens waren kaum zu erkennen. Doch während mein Blick über die gegenüber liegenden Abhänge schweifte, fiel mir plötzlich eine Felsnadel auf, welche das Grün der Bäume überragte. Sie wurde von der Nachmittagssonne beleuchtet und bot einen eigenartigen Anblick. Jetzt begriff ich, was Paul Schellenberger und Richard Andrews in ihrem Buch nur dunkel angedeutet hatten. Im Spiel von Licht und Schatten trug die Felsnadel den verblüffend realistischen Kopf eines alten Mannes mit langem Bart.

 

 

Jerome 0475Dieser markante Felsen soll verschiedenen Autoren zufolge den Eingang in einen geheimen Stollen markieren, durch den man in jene Anlage gelangt, in der ein gigantischer Schatz, oder der Heilige Gral, oder, wie schon erwähnt, das Grab von Jesus verborgen sein soll. Wenn es mir auch nicht so Recht einleuchten wollte, weshalb die Templer zum Beispiel, einen so ungeheueren Aufwand betrieben, das Jesus-Grab in einem Berg zu verstecken, und zugleich den geheimen Zugang neben einem so auffälligen Stein münden zu lassen. So wollte ich es doch etwas genauer wissen.

 

Nach tagelanger, anstrengender Suche, in einem äusserst unwegsamen Gelände, stand ich dann plötzlich tatsächlich vor der Mündung des gesuchten Stollen. Ein überaus gefährliches Loch, wie sich herausstellte, dem man sich besser nicht hangabwärts nähern sollte. In dem Falle würde man die Öffnung sehr leicht erst zu spät bemerken und ungefähr 10 m tief in den senkrechten Förderschacht stürzen. Begehbar ist die Mine durch einen zweiten, nach innen abfallenden Stollen, der in den senkrechten Förderschacht mündet. Ohne Seil gelangt man allerdings auch auf diesem Weg kaum in die Mine hinein, bzw. nicht wieder hinaus. Im Abraum fand ich Azurit und Malachit, was auf Kupferbergbau schliessen lässt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass zusammen mit dem Kupfer auch Gold vorgekommen sein mag.

 

Sollte der deutsche Forscher Manfred Dimde eventuell wirklich aus „mehreren Dokumenten“ (leider ohne sie näher zu bezeichnen) die zielführenden Informationen herausgefiltert haben, die ich bei diesen Untersuchungen, beim Pic de Pointou, wie der betreffende Felsen heute genannt wird, zu Rate zog?[1] Bis hierhin hatten sich seine Angaben bestätigt. Denn, „dass man den Eingang (zu einem nicht genau beschriebenen Etwas) findet, wenn man sich um 14 Uhr in einem Tal befindet, dessen Hänge im Schatten liegen“ (B.S.), weil zu dieser Zeit die Sonne einen Menhir bescheint, „einen Stein, auf dem die Konturen des Gesichts eines alten Mannes zu erkennen sind.“ (B.S.)[2] Sollten Dimdes weiterführende Angaben ebenfalls zutreffend sein, wären die Folgen einfach nicht auszudenken. „Wenn man diesen Stein ausgemacht hat, soll man sich die Stelle merken, die das rechte Auge bildet. Nun soll man oberhalb dieses imaginären Auges durch einen sehr kräftigen Stoss/Druck Zugang verschaffen. Sodann steigt man auf einer Treppe 17 Stufen hinab.“

 

Blanchfortmine (8)Doch schon bald stellte es sich heraus, dass die Dinge nicht so einfach liegen, wie man zunächst meint. Den Felsen zu erklettern und im Bereich des rechten Auges Druck auszuüben, das ist ohne weiteres machbar. Und dann...? Direkt an der schlanken Felsnadel wird sich daraufhin kaum eine Tür öffnen. Die dürfte – sofern wirklich vorhanden – wahrscheinlich irgendwo, in einem der beiden Stollen in der Mine aufgehen. Und sie müsste dann auf jeden Fall so lange geöffnet bleiben, bis man vom Felsen herunter und in die Mine hinein geklettert wäre. Man dürfte sich dabei voraussichtlich nicht zu viel Zeit lassen. Offenbar nicht mehr, als 20 Minuten. Das ist zu schaffen.

 

„Abbé Saunière warnt den Abenteurer davor, sich unvorsichtig in diesem Abstieg zu bewegen: „Die Stufen sind glitschig. Danach geht es wieder dieselbe Zahl von Stufen hinauf.“ Diese Warnung sollte man unbedingt ernst nehmen: Es besteht in diesem Augenblick aufgrund eines Schutzmechanismus höchste Lebensgefahr.

 

Wenn Abbé Saunière von 17 Stufen spricht, kann dies bedeuten, dass die ersten 17 Stufen ohne Gefahr begangen werden können – dahinter beginnt das Wirkungsfeld z.B. einer Überflutungsanlage, die den unbefugten Eindringling in dem Treppenschacht ertränkt. Saunière weiter: „In der ersten Etappe des Zugangs ist der Schutzmechanismus eingebaut. Der Zugang füllt sich schlagartig mit Wasser.“ Dimde will den Aufzeichnungen des Abbé weiter entnommen haben, dass „der äussere Zugang zur Anlage in unregelmässigen Abständen von höchstens 20 Minuten“ schlagartig geflutet wird. Deshalb muss damit gerechnet werden, dass dieser Mechanismus dann zugleich auch den Zugang verschliesst.

 

Doch wie verlässt der Abenteurer, der den Schacht hoffentlich schadlos passieren konnte, zuletzt die Anlage? Nirgendwo weist der Abbé auf diesen wichtigen Punkt hin. Der Eindringling wird nicht darauf verpflichtet den Zugang wieder zu verschliessen und auch nicht darüber informiert, wie er das bewerkstelligen könnte. Zwangsläufig muss also ein Schliessmechanismus installiert sein, weil der Zweck des Ganzen darin besteht, den „unbefugten Eindringling“ in der Falle zu vernichten. Das alles liess sich leidergottseidank nicht nachprüfen, denn trotz aller Schläge auf vorsichtshalber beide Augen, stand ich in weniger als 20 Minuten in der Mine vor glatten Felswänden, in denen sich nicht die kleinste Öffnung aufgetan hatte.

  

BlanchfortmineIn den darauf folgenden Jahren, bis heute, habe ich die alte Kupfermine wiederholt besucht. Gelegentlich gemeinsam mit anderen Suchern, welche ich dort hin führte, weil sie sich selbst ein Bild von der Sache machen wollten. Darunter, im Jahr 2006, der deutsche Filmemacher Peter Ernst. Er hofft, ähnlich wie ich auch, die Lösung für die Rätsel und Geheimnisse von Rennes-le-Château in den zahllosen Höhlen und Minen der Region zu finden. Als er mich an der Salsquelle aufsuchte, interessierte er sich insbesondere für eben jene Mine zwischen Blanchefort und Roc Nègre, nach der er bereits zwei Jahre lang vergeblich gesucht hatte, wie er mir erzählte. Dem Manne konnte geholfen werden, und seitdem erkunden wir jedes Jahr in den Sommermonaten gemeinsam  vorwiegend die Unterwelt der Region. In jeder Saison legten wir dabei den Schwerpunkt unserer Recherchen auf einen anderen Teilaspekt der möglichen Forschungsansätze.

 

Alle unsere Expeditionen wurden filmisch dokumentiert.[1] In den bisher erkundeten Höhlen und Minen entstanden so bisher noch nie gezeigte Aufnahmen aus einer ebenso faszinierenden wie fremdartigen Welt.

 

Nachdem wir auf unserer ersten Expedition, neben der Kupfermine am Pic de Pointou, alle dicht bei Rennes-le-Château liegenden Höhlen und Grotten untersucht hatten, widmeten wir uns auf der zweiten Expedition vorwiegend den grossen Höhlensystemen unter dem Pech de Bugarach, um im vergangenen Juli/August diesen Jahres endlich nach den verschollenen Goldminen zu suchen, die von den Bergwerksingenieuren im 17. Jh. befahren und beschrieben worden sind. Mit überraschenden Ergebnissen.

 

Denn zunächst fanden wir heraus, dass bei Blanchefort tatsächlich einmal eine Goldmine ausgebeutet worden ist. Auf einem Katasterauszug, von der „École Nationale Superieur de Géologie et de Prospection“, ist diese Mine nahe beim Roc Nègre verzeichnet. Nur ungefähr 350 Meter entfernt, von der Kupfermine. Sie entspricht jedoch nicht der Beschreibung d’Arcons. Um die Albezun-Mine kann es sich dabei also nicht handeln.

 

roquenegre-minen

 

Wir stellten fest, dass die betreffenden Angaben in der Literatur offenbar irreführend sind. So, wie die meisten Details der Saunière-Saga. César d’Arcons gebrauchte für die Mine in seinem Bericht also die Bezeichnung Strate d’Albezun. Mit dem Namen konnte Gérard de Sède offenbar nur wenig anfangen. Deshalb nahm er an, dass Albezun mit Albedunum[1] geleichgesetzt werden müsste. Unter diesem Namen ist das Château auf dem Bézu in alten Urkunden erwähnt. Aber auch Château Blanchefort soll früher gelegentlich so bezeichnet worden sein. Deshalb zog er den Schluss, dass d’Arcons mit Albezun eine Mine meinte, die sich in der Nähe eines der beiden Châteaus befindet. Weiter nichts, als eine Vermutung, die seit den 60er Jahren stereotyp wiederholt wird. Wie es aussieht, übernahm aber auch de Sède diese Idee von einer anderen Person – zusammen mit unzähligen anderen Fehlinformationen – von einem gewissen Mr Plantard de St. Clair.

 

Dem ehemaligen Grossmeister der Prieuré de Sion muss übrigens auch die genaue Lage der Goldmine am Roc Nègre bekannt gewesen sein. Denn als er in Rennes-le-Château auftauchte, bestanden seine ersten Aktivitäten bekanntlich darin, verschiedene Parzellen Terrain bei Blanchefort anzukaufen. Diese Landkäufe standen zweifellos im Zusammenhang mit seinen diversen Plänen und sollten seine Rechte im Falle eines eventuellen Schatzfundes sichern. Es muss ihm sicherlich um mehr gegangen sein, als lediglich darum, Aufsehen zu erregen. Oder sollte ausgerechnet ein alter Fuchs, wie Pierre Plantard, einfach so, auf gut Glück, mal eben ein paar Grundstücke erwerben, die praktisch nichts Wert sind?

 

plantard in mineEin Foto aus dieser Zeit zeigt, dass sich die Prieuré für diese alte Mine interessierte und dass dort Untersuchungen angestellt worden sind. Man hat nie erfahren, worin diese Untersuchungen bestanden und welche Resultate sie erbrachten. Könnte Pierre Plantard hinter all dem lauten Rummel, den er seinerzeit in Rennes-le-Château veranstaltete, vielleicht ganz andere Ziele verfolgt haben, als er vorgab? Er wäre nicht der einzige zwielichtige Zeitgenosse im Umfeld gewesen, der sich hinter einer phantastischen Story verbarg, um ganz andere Ziele zu verfolgen.

 

Wie eingangs erwähnt, wollten wir uns im Wesentlichen auf Fakten stützen, statt uns in diversen Spekulationen zu verlieren. Was Mr Plantard bei Blanchefort auch getrieben haben mag – Bergbau bestimmt nicht. Doch etwa in demselben Zeitraum zeigte er zugleich ein starkes Interesse an den Hinterlassenschaften Bérenger Saunières, die in den Besitz von Noel Corbu übergegangen waren. Vor allen Dingen an den Papieren des Curé. Plantard brachte sie an sich und er gelangte über Mittelsmänner auch an die alten Pergamente, welche sich im Besitz von Mm James, in Montazels, befanden, einer Nichte des Abbé. Diese Vorgänge sind später Gegenstand akribischer Untersuchungen gewesen, doch bis heute nicht geklärt. Wir liessen uns denn auch nicht weiter durch die noch immer anhaltende Diskussion über die Echtheit der Pergamente irritieren. Denn die Kopien, welche von Plantard später, über Gèrard de Sède und Henry Lincoln, ins Spiel gebracht wurden, sind offenbar wirklich manipulierte Stücke. Doch denen dürften schliesslich Originale zugrunde gelegen haben. Die echten Pergamente oder Urkunden, die durch Plantards Hände gegangen sind. Diese veranlassten ihn also dazu, Land zu kaufen, auf dem sich u.a. die alte Goldmine am Roc Nègre befindet. Wir gingen deshalb davon aus, dass sich unter Saunières Hinterlassenschaft Informationen befunden haben müssten, welche die alten Überlieferungen über ein Schatzdepot in einer alten Goldmine, nahe bei Rennes-le-Château, konkretisierten.

 

Vor diesem Hintergrund entbehrt Pierre Plantards Behauptung, dass sich der Schatz jetzt im Besitz der Prieuré befände, vielleicht doch nicht eines Körnchens Wahrheit.

 

Was aber, wenn d’Arcons sich mit dem Namen für die Mine gar nicht auf Albedunum bezog, sondern statt dessen etwas anderes im Sinn hatte?

 

Einen Durchbruch erfuhren unsere Recherchen gegen Ende des Jahres 2008, als wir, über die Bergbauschule, deren Roc Nègre-Dossier uns schon ein Stück weiter gebracht hatte, Zugang zur einer anderen Datenbank fanden. Hier bekamen wir endlich alle Informationen über die Lage aller bekannten Minen in Frankreich. Darunter natürlich alle bedeutenden Bergwerksanlagen in der Umgebung von Rennes-le-Château. Damit stand praktisch auch schon das Programm für unsere diesjährigen Exkursionen.

 

Tief unter Rennes-le-Château

 

Catel Mine Boot (2)kleinVon einem bestimmten Minenkomplex hatte ich aber auch auf anderem Wege erfahren. Meinen Informationen zufolge befinden sich an der Strasse, die von Quiza nach Rennes-le-Château hinauf verläuft, zwei beinahe völlig in Vergessenheit geratene Stolleneingänge, die weit in den Berg hineinreichen sollen. Robert B., ein Bekannter von mir, der früher in Rennes-le-Château wohnte und eng mit Henri Buthion befreundet gewesen ist, erzählte mir öfter von seinen früheren Erlebnissen und von den Zeiten, als in dem Dorf mehr Grabungslöcher als Häuser zu sehen gewesen sind. Und dann schilderte er mir seinen Ausflug in den Bergwerkstunnel. Ein Tonnengewölbe, über dessen Eingang die Jahreszahl 1894 eingraviert worden ist. So weit er sich nach 30 Jahren noch erinnern konnte, führt dieser unter Wasser stehende Tunnel weit in den Berg hinein und endet in einem „Saal“, von dem aus man nicht weiter voran käme, weil alles eingestürzt sei. Eine Quelle würde den Tunnel ständig fluten.

  

Catel Mine Boot (3)kleinAlte Minenarbeiter, die nach dem WK II noch dort beschäftigt waren wussten, dass sich die Anlage sehr weit in den Berg erstreckt. So soll es früher noch möglich gewesen sein, über längst aufgegebene Abschnitte des Bergwerkes, in noch ältere Stollen zu gelangen, in denen man  schliesslich jene Stollen  erreichte, welche vom Schloss in Rennes-le-Château, in den Untergrund führen.

 

Von diesem sagenhaften Bergwerk hatte ich zuvor schon gehört. Es trug den Namen „Mine Encadado“, von dem kaum noch jemand sagen kann, wo es denn eigentlich zu finden ist. Eigenartigerweise war es auch in der Datenbank nicht gelistet. Das gab uns zunächst zu denken.

 

Doch Robert hatte mir die Lage der beiden Tunnel beschrieben, so gut, wie er sich nach ungefähr 30 Jahren noch daran erinnerte. Als wir in dem betreffenden Gelände zu suchen begannen, stellten wir überrascht fest, dass unser Standort mit zwei Datensätzen auf unseren Listen exakt übereinstimmte. Aus Gründen, die wir nicht kennen, wurde die „Mine Encadado“ nicht unter ihrem Namen erfasst, sondern unter den Namen von ehemaligen Eigentümern der Grundstücksparzellen, in denen die Stollen münden. Wir können nicht beurteilen, ob das so üblich ist. Doch dass wir vor dem Eingang in die richtige Mine standen bezeugte uns unübersehbar die darüber eingemeisselte Jahreszahl 1894.

 

Das Jahr, in dem Saunière durch unrühmliche Aktivitäten auf dem Friedhof in Rennes-le-Château auffiel und in dem die alten Stollen ausgebaut worden sind. Das hatten sie zweifellos auch nötig. Die Arbeit in dem Bergwerk muss im höchsten Grade riskant gewesen sein. Daran haben auch die Abstützmauern nicht viel ändern können, wie wir schon bald feststellten. Doch zuerst einmal mussten wir feststellen, dass der Stollen unter Wasser steht. Wir brauchten ein Boot und zwar ein Schlauchboot. Denn der Tunnelausbau beschränkte sich auf jeweils nur wenige Meter langes Gewölbe, zwischen denen ungefähr 10 Meter weit unausgebauter Stollen liegt.

 

Catel Mine Boot (16)kleinIn diesen Abschnitten häuft sich, in regelmässigen Abständen, herunter gebrochener Schutt und bildet Barrieren, zwischen denen sich das Wasser aufstaut. Wir benötigten also ein leichtes Boot, das sich auf engem Raum, möglichst ohne all zu grosse Anstrengung, über diese Barrieren bringen lassen würde. So kamen wir zu unserem „Seaking“. Ein kleines Badeschlauchboot, welches uns fortan treue Dienste leistete. Auch noch, als ihm, ob der unvorhergesehenen Strapazen, allmählich die Luft ausging, so dass es gerade noch unsere Ausrüstung trug. Wir selbst mussten nun doch ins Wasser. An tiefen Stellen reichte es uns bis zur Brust, während unsere Füsse bis zu den Waden im tiefen Lehm versanken, und nur mit Mühe wieder frei kamen.

 

So kämpften wir uns Schritt für Schritt hinein, in die Mine. Dabei war es unvermeidlich, dass wir immer wieder an den Tunnelwänden Halt suchten. Ein trügerischer Halt – denn der Stollen ist nicht in den blanken Fels getrieben, sondern in Lehmboden, und der gab unter unseren Händen gelegentlich nach. Ein Himmelfahrtskommando...

 

Schliesslich hatten wir die letzte der Barrieren überwunden und konnten unseren Weg auf festerem Boden fortsetzen. Kurz darauf traten wir aus dem Stollen in eine riesige Halle. 

 

Catelmine II (68)kleinAber erst nachdem wir unsere Handscheinwerfer ausgepackt und eingeschaltet hatten, überblickten wir annähernd ihre Dimensionen und wurden uns der neuen drohenden Gefahren bewusst. Denn noch während Peter seinen Camcorder auf das Stativ montierte, meldete uns ein grollendes Geräusch, dem ein dumpfes Poltern folgte, dass in der anschliessenden Caverne, vor uns, gerade wieder ein Teil der Decke herunter gebrochen war. Tröstlich daran war allein der Gedanke, dass uns nun wenigstens diese Felsbrocken nicht mehr auf den Kopf fallen würden. Ein überaus schwacher Trost, angesichts dessen, was da noch über uns hing.

 

Hier ist Gips abgebaut worden. Unzählige Schichten kristallinen Gipses durchziehen die Lehmlager und den Fels kreuz und quer. Stellenweise meterdick. Dem stark verpressten Lehm, durch den der Stollen verläuft, verleihen sie zusätzliche Stabilität. Doch die Feuchtigkeit löst den Lehm beständig und legt Gipskristallplatten frei, die aus dem Lehm hervorragen und dann herunterbrechen. In den Cavernen liegen solche Platten, in Grössen von mehreren Quadratmetern und bis zu einem guten Meter Dicke. Inmitten einer solchen Platte bemerkten wir eine runde Öffnung. Sie führt in einen tiefer liegenden Hohlraum, den wir lieber nicht erkunden wollten, weil wir sonst riskiert hätten, mit der Platte nach unten durch zu brechen.

 

Catelmine II (9)kleinWir passierten den halb verschütteten Durchgang in die nächste Caverne, welche nicht viel kleiner ist als die erste und die einen ebenso wüsten Anblick bietet. In einer Senke bemerkten wir die obere Wölbung eines verschütteten Stollen. Hier musste die Stelle sein, an der die Mine, in den 40er Jahren, ihr letztes Opfer gefordert hatte. Ein spanischer Arbeiter war mit seinem Maultier verschüttet worden. Dann gab der letzte Konzessionär, ein Mr Siau,[1] die Mine endgültig auf. Wie wir in Erfahrung brachten, ist Encadado während der Zeit, in der Bérenger Saunière in Rennes-le-Château lebte, von einem gewissen Mr Castel betrieben worden. Und in dieser Zeit besuchte kein geringerer als Louis Fédie die Mine. Etwa 500 Meter weit traute er sich hinein. Und auch er lauschte Aufmerksam den Mineuren, die davon sprachen, dass sich alte Stollen in früherer Zeit bis nach Casteillas, und darüber hinaus, erstreckt haben sollen und bis hinauf, nach Rennes-le-Château. Mehr als 2000 Meter hätte man früher in dem Bergwerk zurücklegen können.

 

Alles, was wir in dieser Mine mit unseren eigenen Augen sahen und das, was wir darüber hinaus in Erfahrung brachten, deckt sich auf das Beste mit dem Bericht von César d’Arcons. Deshalb gehen wir nunmehr sicherlich nicht zu Unrecht davon aus, dass „Mine Encadado“ und „Strate de Albezun“ identisch sein müssten. Zwei mögliche Erklärungen für den Namen, den d’Arcons wählte, bieten sich an:

 

1.      In der Mine sind zuletzt Gipsvorkommen abgebaut worden. Diese, im Schein der Grubenlampe strahlend weissen, mächtigen Gipslager könnten auf d’Arcons durchaus so starken Eindruck gemacht haben, dass er in seinem Bericht einen Namen wählte, der das Bergwerk so charakterisierte.

2.      Sogar die Gleichsetzung von „Albezun“ mit „Albedunum“ könnte in einer gewissen Weise doch zutreffend sein. Dann nämlich, wenn man in Rechnung stellt, dass ausser Blanchefort und Le Bézu noch ein dritter Ort mit Recht in früheren Zeiten diese Bezeichnung trug. Wir denken da an den Bergrücken, der dem Roc Fumade vorgelagert ist. In dessen Gipfelbereich liegt der Gips offen zutage. An einer Stelle ist der Gips im Tagebau gewonnen worden. Und – auf dem Berg finden sich die Reste einer sehr alten Befestigungsanlage. Es könnte sich dabei um eine vorgelagerte Anlage von Rhedae gehandelt haben. Vielleicht auch um ein noch viel älteres Oppidum, ähnlich dem, welches sich, nach der anderen Seite hin, auf Casteillas, befunden haben soll. Eine strahlend weisse Bergkuppe, mit einer Befestigungsanlage –  „Albedunum“.

 

juni 078kleinVon Zufall kann man da eigentlich schon kaum noch sprechen, wenn die alten Stollen ausgerechnet bis über Casteillas hinaus verliefen. Vielleicht haben wir, zumindest mit den alten Abschnitten dieser Mine, sogar die unterirdischen Anlagen von Rhedae vor uns. Sollte Abbé Saunière möglicherweise irgendwo auf einen verborgenen Eingang in die Encadado gestossen sein?

 

Asmodi und die Encadados

 

Während wir uns in in der zweiten Caverne aufhielten, erstieg ich eine hohe Schutthalde, die sich nach oben hin, zur Seite erstreckte. Das Scheinwerferlicht vermochte diesen Abschnitt nicht ausreichend zu erhellen. Aber es sah so aus, als würde dort hinten ein Tunnel in eine höher liegende Etage weiterführen. Auch aus der Nähe betrachtet ergab sich dieser Eindruck. Ich musste jedoch an der Stelle abbrechen. Jeder Versuch, die Öffnung zu erreichen, hätte höchstwahrscheinlich in einer Katastrophe geendet. In den  Wänden der Caverne zu klettern war ausgeschlossen. Peter filmte derweil im unteren Bereich der Höhle. Dabei muss er auf ein Geräusch aufmerksam geworden sein, das an der Stelle, an der er sich befand, offenbar deutlicher zu vernehmen war, als an meiner Position, weit über ihm. Aufgeregt und wohl auch ein wenig nervös fragte er, ob ich dieses Geräusch ebenfalls hören würde. Das konnte ich ihm jedoch nicht eindeutig bestätigen. Doch er bestand darauf, deutliche Maschinengeräusche zu hören. Erst nachdem Catelmine II (64)kleinich wieder zu ihm hinunter gestiegen war, begriff ich, was er damit meinte. Es klang wirklich ungefähr so, als würde tief im Inneren des Berges eine Maschine arbeiten. Eigenartigerweise hörten wir dieses Geräusch nirgendwo sonst. Einzige sinnvolle Erklärung für uns war Wasser. Vielleicht drang das Geräusch durch eine Spalte oder eine Röhre, die wir nicht sehen konnten, und war deshalb nur dort, an dem Durchgang zwischen den beiden Cavernen, deutlicher zu vernehmen.

 

Daran, dass der Encadado, nach dem das Bergwerk benannt worden ist, uns einen Streich spielte, wollten wir aber auch nicht so recht glauben. Was hatte es überhaupt mit jenen rätselhaften Encadados auf sich?

 

Im Volksglauben fest verwurzelt, wie die allgegenwärtigen Feen und Zwerge und wie diese an bestimmte Plätze gebunden, verkörpern die Encadados, oder auch Encatades, mächtige Zauberer. Nicht etwa Hexer im herkömmlichen Sinne, sondern übermächtige, nichtmenschliche  Wesen, die über gewaltige magische Kräfte verfügen. Träger der sicherlich uralten Überlieferung waren in erster Linie Schäfer und Bergleute. Menschen also, die den grössten Teil ihres Lebens den Mächten der Natur alleine gegenüber stehen. Sie respektieren die meist unsichtbaren Hüter der Quellen und der Berge, die Bewahrer der Geheimnisse und der verborgenen Schätze in den Abgründen. Sie nennen die Geister „encatades“, und die Feen „des hades“. Ihnen verdanken sie ihre Kenntnisse der Pflanzen (Schäfer) und auch die, der Minerale und Erze (Bergleute).

 

DruideAll die verschiedenen Geister und mythischen Wesenheiten in ihren „Funktionen“, oder besser in ihren jeweiligen Wirkungsbereichen, gegeneinander abzugrenzen ist kaum möglich. Auch wegen unterschiedlicher regionaler Traditionen. Im Roussillon erscheinen die Encadados mehr als Zauberer und stehen in „Verwandtschaft“ zu den Hexen, mit denen sie bestimmte Züge gemein haben. Nachts verlassen sie die Höhlen, welche sie bewohnen, durch einen Felsspalt, um sich und ihre Kleider zu waschen. Worin wir aber auch eine Verwandtschaft mit den Nymphen und Undinen erkennen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass den Encadados in unzähligen Sagen bei der Gelegenheit die Kleider von einem Menschen geraubt werden, der dadurch Macht über den Zauberer gewinnt. In Corbère beispielsweise bewohnen sie zahlreiche Grotten und waschen dort nachts ihre Wäsche. Bei Tautavel, Reynès, Montferrer, und Arboussol sollen sich Zentren der Encadados befinden. Doch auch die Gegend um Rennes-les-Bains scheint  sie angezogen zu haben, wie die auffallend oft vorkommenden Ortsbezeichnungen mit entsprechendem Bezug zeigen.Le Encadado ist so ein Platz – und seinen Namen gaben die Bergleute ihrer Mine. Sie machten den Zauberer, der hier seinen Sitz hat, zu ihrem Schutzpatron.

 

Wie mächtig der Zauber solch eines Wesens sein kann, erzählen sich die Leute in Arrens[1] noch heute. Südlich der kleinen Stadt öffnet sich das “Bat-de-Bun“, ein weites Tal (Bat = catalan für Tal). Über eine lange Strasse gelangt man dort zum „Lac d’Estaing“. Mit  einer Fläche von 12 ha, gehört er zu den grössten Seen in den Pyrenäen. Begrenzt von den hohen Bergen ringsum, füllt er das gesamte Tal aus. In den Abendstunden wehen weisse Dunstschleier über der Wasseroberfläche und die einsamen Hirten halten scheu Ausschau, nach den geheimnisvollen Herrinnen des Sees, „eras daunes de l’Ayguo“. Eine der Geschichten, die man sich von ihnen erzählt, klingt nicht viel weniger bizarr, als die über einen gewissen Curé aus Rennes-le-Château, und das Geschlecht der Habsburger:

 

undine 1Zwei junge Burschen aus dem kleinen Städtchen Sireix wanderten, auf dem Weg nach Spanien, am Ufer des Lac d’Estaing entlang, als sie plötzlich Gesang vernahmen, der aus den Tiefen des Sees zu ihnen heraufklang. Kurz danach bemerkten sie zwei märchenhaft schöne, langhaarige Mädchen, in weissen Gewändern. Den beiden Burschen rutschte das Herz in die Hosen, denn sie wussten, wer da vor ihnen am Wasser stand. Vielen anderen einsamen Wanderern waren diese schönen Frauen schon zum Verhängnis geworden.  Bezaubert von dem Gesang und dem Anblick dieser rätselhaften Geschöpfe, hatten sie ein kühles Grab auf dem tiefen Grund des Sees gefunden. Die dunkle Seite solcher Begegnungen. Sie soll daran erinnern, dass man sich diesen Mächten nicht blind und begierig zuwenden darf.  Die Burschen zogen sich zurück und unterhielten sich später noch oft über ihr Erlebnis.

 

Einer von den Beiden, mit Namen Abadie, mähte im Jahr darauf Getreide auf einem Feld. Dabei näherte er sich dem Seeufer, wo er eine der Nymphen beim Baden überraschte. Geistesgegenwärtig nahm er schnell ihre Kleider an sich und fing dann die Schöne selbst ein. Sie ergab sich mit den Worten: Ich bin jetzt eine Lebende und von nun an gehöre ich dir. Ich werde dir Glück und Reichtum schenken und dich für immer beschützen – unter einer Bedingung. Nenne mich niemals „folle“ oder „fee“!

 

Danach führte sie ihn zu einer verborgenen Grotte, in der Truhen voller Gold standen, aus denen er so viel nahm, wie er forttragen konnte. Die Hochzeit der Beiden soll die prächtigste Feier gewesen sein, die in Sireix jemals begangen worden ist. Für lange Zeit führten die Abadies eine glückliche Ehe, in deren Verlauf die Undine ihrem Ehemann fünf Kinder gebar. Aber eines Tages, während sich Abadie auf dem Markt in Argelès aufhielt, brach über das Tal ein verheerendes Unwetter herein. Ein furchtbares Gewitter ging nieder, begleitet von einem Orkan und schweren Hagelschlägen. Der junge Mann machte sich eiligst auf den Heimweg, kaum dass sich die dicksten Wolken verzogen. Unterwegs verletzte er sich in der Hast noch den Fuss und langte endlich in Sireix an. Der Ort war stark in Mitleidenschaft gezogen. Überall Zerstörungen. In seinem Haus angekommen, welches wunderbarerweise unversehrt geblieben war, galt seine erste Sorge seiner Frau und den Kindern. Seine zweite Frage war, warum Gott ein solches Unheil über den Ort und die Menschen geschickt habe. Darauf antwortete ihm seine Frau: Das bin ich gewesen, ich selbst, weil ich wütend war. Ohne eine weitere Erklärung abzuwarten rief Abadie aus: Du bist eine folle!

 

Kaum hatte er den kurzen Satz beendet, war seine Frau auch schon spurlos verschwunden. Es half ihm nichts, dass er seine Worte bereute. Vergeblich rief und suchte er am See nach ihr. Sie blieb verschwunden. Aber ihre Kinder konnte und wollte sie nicht vergessen. Als er eines Vormittags bei der Feldarbeit wieder einmal in die Nähe des Seeufers kam, sah er plötzlich seine Frau auf einem kleinen Felsen sitzen, der aus dem Wasser ragte. Sie kämmte sich ihre Haare mit einem goldenen Kamm und sprach zu ihm: Ich weiss, dass du deine Worte von Herzen bereust, und ich nehme deine Entschuldigung an. Doch was geschehen ist lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Du musst trotzdem nicht traurig sein und du brauchst keine Furcht zu haben, denn ich will halten, was ich dir einmal versprochen habe. Ich werde meine Kinder und auch dich niemals vergessen. Sie, und auch ihre Nachkommen, stehen unter meinem Schutz. Ich werde immer für sie sorgen und mächtige Männer aus ihnen machen.

 

Die Voraussage der Fee erfüllte sich, wie man weiss, an Jean Bernadotte, dessen Mutter der Familie Abadie aus Sireix, bei Labadan, angehörte. Aus dem Nachkommen der schönen Seejungfrau, einem geborenen Jean-Baptiste Bernadotte, General der französischen Revolution, später Marschall unter Napoléon, wurde ein König von Schweden und Gründer einer der glorreichsten Dynastien unserer Gegenwart.[1]

 

Schwedische Historiker meinen: „Niemals ist eine Krone zufälliger auf das Haupt eines Monarchen gesetzt worden, als bei der Wahl dieses Königs.“

 

Die Menschen am Lac d’Estaing, in Pau und in Sireix, sehen das ein wenig anders. Sie wissen, dass für die Erhebung ihres Landsmannes auf den schwedischen Königsthron ein complot geheimer Kräfte gesorgt hat, das seinesgleichen in der Welt sucht.

 

So viel, oder auch so wenig, erst einmal über die Kräfte welche die Einheimischen solchen Wesen zuschreiben. Ob Melusine oder Encadado, sie ähneln sich sehr stark. Der wesentliche Unterschied besteht offenbar darin, dass die einen weibliche und die anderen männliche Gestalten verkörpern. Kann man sich also einen besseren Schutzpatron wünschen...?

 

Eng verwandt sind die Encadados aber auch mit den Giganten der Pyrenäen, mit den Bergriesen, unter denen Herkules sicherlich der bekannteste sein dürfte. Im Baskenland kennt man einen „Tartaro“ und einen Waldriesen, welcher als „Basa Yaun“ bekannt ist. Sie gelten allgemein als friedlich, sind oft hilfsbereit und gutmütig, bauen den Menschen Brücken und Châteaus in einer einzigen Nacht und sie bewohnen tiefe Felshöhlen, an deren Eingang gerne ihre Frau, la Dame Sauvage (die wilde Frau), sitzt und ihre Haare mit einem goldenen Kamm kämmt. In diese Gruppe gehören unbedingt auch andere Figuren, wie Gargantua, Roland, und St. Christoph. Tartaro wird beschrieben, als ein riesiger Mann von furchterregendem Aussehen, mit einem einzigen Auge inmitten der Stirn. Woran die Herkunft dieser Giganten, als Heroen der uralten antiken Kulte, unschwer zu erkennen ist, und auch wie tief und unauslöschlich sie im Volksglauben verwurzelt sind. Herkules ist wohl der älteste unter ihnen und Roland der mit Abstand beliebteste.

 

Von den vielen, oftmals auf bizarre Weise menschenähnlich geformten Felsen sagt man, dass es versteinerte Riesen seien, oder auch verfluchte Hirten. Nichts anderes als so ein versteinerter Riese müsste demzufolge jene markante Felsnadel bei Blanchefort sein, die ich schon weiter oben beschrieb. Und die selbstverständlich Bérenger Saunière auch kannte. Genau so, wie er die Encadado-Mine schon seit seiner Kindheit gekannt haben muss. Das Bergwerk ist, neben der Hutmacherei, gerade zu Lebzeiten Saunières ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Qouiza und andere Ortschaften in der Umgebung gewesen. Für viele Familien bildete es die Existenzgrundlage. So natürlich auch für Menschen in seinem Geburtsort Montazels und auch für einige seiner Schäfchen, in Rennes-le-Château. In wie viele seiner Fürbitten wird er wohl das Bergwerk mit eingeschlossen haben?[1]

 

Wir begannen vermehrt darüber nachzudenken, ob sich ein paar der Rätsel um Saunière vielleicht von dieser Seite her lösen lassen. Abgesehen davon, dass er in seiner Kindheit, wie andere Jungen auch, voller Neugierde und Abenteuerlust, in so mancher der vielen Höhlen rings um seinen Heimatort Montazels, herumgeklettert sein wird. Dass er begierig all die spannenden Geschichten und Erzählungen seiner Grossmutter in sich aufsog. Und nachdem er später Pfarrer im Nachbarort geworden war, vertrauten ihm die Leute ihre Sorgen und Geheimnisse an. Was mag er alles im Beichtstuhl und an Sterbebetten erfahren haben? Nicht nur von armen, einfachen Dorfbewohnern. Wenn man diese Gedanken weiter verfolgt, könnte man zu dem Schluss gelangen, dass es möglicherweise gar keiner Pergamente in einem Altarpfeiler bedurft hätte, um dem Abbé auf die Sprünge zu helfen.

 

Wie auch immer, Saunière war ein Kind seiner Heimat und als solches vollkommen vertraut, mit den Sitten und Gebräuchen, mit der Überlieferung und mit der volkstümlichen religiösen Praxis. In Occitanien vertrat man schon immer, streng katholisch versteht sich, ganz eigene christliche Auffassungen. Seine persönlichen brachte der Abbé in seinem Kirchlein auf wundersame Weise zum Ausdruck. Sie werden heute, es kann ja gar nicht anders sein, weitgehend missverstanden.

 

juni 08 (34)kleinNach Abschluss unserer diesjährigen Dreharbeiten ging ich nochmals in das Gelände, oberhalb der Encadado – Mine, um nach Schächten und Einstürzen zu suchen. Dabei traf ich einen alten Mann, den ich nach weiteren Eingängen in die Mine fragte. Ihn traf fast der Schlag, als er erfuhr, dass ich wenige Tage zuvor in der Mine gewesen war. Ich beschrieb ihm, was ich gesehen hatte und das schien ihn davon zu überzeugen, dass ich wirklich so weit vorgedrungen war. Und dann begann er zu erzählen. Er erinnerte sich an seine Kindheit, an die Zeit, in der noch gefördert wurde. Und das brachte mich schliesslich auf eine Idee. Jedes, aber auch wirklich jedes Bergwerk, hat seinen Schutzheiligen. Wer ist denn eigentlich der Schutzpatron dieser Mine? – fragte ich den alten Mann. Der zögerte etwas, ehe er mir antwortete: „Das sollten sie eigentlich wissen. Gehen sie hin, und bedanken sie sich bei ihm. Sie finden ihn oben, in der Kirche, in Rennes-le-Château.“

 

 

Udo Vits, Dezember 2010
(mit freundlicher Genehmigung des Autors)

[1] Quelle, Bernard Duhourcau, « Guide des Pyrénées Mystérieuses », Editions TCHOU, aus der Reihe « Les Guides Noirs », 1985

 



[1] Die Legende wurde aufgezeichnet von dem Friedensrichter Labassé, aus Aucun, so, wie sie die Mutter des späteren Schwedenkönigs erzählte. Später überarbeitet von  Bascle de Lagrèze. Es ist belegt, dass der junge, unbeherrschte Ehemann der Herrin des Lac d’Estaing ein Angehöriger der Familie Abadie gewesen ist, Miteigentümer der Abbey von Sireix. Eine seiner Nachkommen heiratete einen gewissen Saint-Jean de Assat und dieser Ehe entstammte die Grossmutter de Bernadotte.



[1] Arrens, in den Haute-Pyrénées, 23 km südöstlich von Lourdes

 



[1] fortgeschrittenen Rennologen wird der Name dieses Mannes hellhörig machen.

 

 

 

 

 

 

 

[1] bedeudet so viel wie „Weise Festung“

 



[1] detaillierte Informationen und alle Filme auf DVD über: www.digitalcultur.de

 


[1] M. Dimde, „Die Gralsverschwörung – das Jesusgrab jetzt entdeckt“, Falkenverlag, 1997

 

[2] bei den mit (B.S.) markierten Zitaten soll es sich um Hinweise aus dem schriftlichen Nachlass von Abbé Saunière handeln

 

 

 



[1] Titel eines Buches der englischen Autoren Andrews/Schellenberger

 

[2] Debrou, „Die Blanchefort-Bergwerke“

 

ttp://srv04.admin.over-blog.com/index.php?cat=1145568794&module=admin&action=publicationArticles:editPublication&ref_site=3&nlc__=381275137652#_ftnref3">[3] ausführlich dargestellt, in meinem Buch, „Der Muezzin von Rennes-le-Château“, Ancient Mail Verlag, 2004, ISBN 3-935910-16-9

 

[4] so den massgeblichen Büchern über Rennes-le-Château von Gérard de Sède und von Lincoln/Baigent/Leigh, die für Jahrzehnte gewissermassen als Bibeln der Rennologie angesehen wurden

 

[5] in Julia J.S.E. –„Apercu topographique et historique des Bains de Rennes“, 1814

 

[6] dem „inspecteur des mines du royaume“ Gensanne, anlässlich einer Visite der Minen in den Haut Corbières

 

[7] gemeint ist Blanca von Bourgogne die durch Heirat zur Blanca von Kastilien wurde, und die man in der RlC-Literatur regelmässig mit der Mutter des französischen Königs Ludwig dem Heiligen, einer geborenen Blanche de Castille, gleichsetzt

 

 

 



[1] Titel eines Buches der englischen Autoren Andrews/Schellenberger

 

[2] Debrou, „Die Blanchefort-Bergwerke“

 

[3] ausführlich dargestellt, in meinem Buch, „Der Muezzin von Rennes-le-Château“, Ancient Mail Verlag, 2004, ISBN 3-935910-16-9

 

[4] so den massgeblichen Büchern über Rennes-le-Château von Gérard de Sède und von Lincoln/Baigent/Leigh, die für Jahrzehnte gewissermassen als Bibeln der Rennologie angesehen wurden

 

[5] in Julia J.S.E. –„Apercu topographique et historique des Bains de Rennes“, 1814

 

[6] dem „inspecteur des mines du royaume“ Gensanne, anlässlich einer Visite der Minen in den Haut Corbières

 

[7] gemeint ist Blanca von Bourgogne die durch Heirat zur Blanca von Kastilien wurde, und die man in der RlC-Literatur regelmässig mit der Mutter des französischen Königs Ludwig dem Heiligen, einer geborenen Blanche de Castille, gleichsetzt

 

 

 

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