Die Mutter aller Versionen

Veröffentlicht auf von asmodeus

Die Urfassung der Saunière-Saga

Mitschrift der Tonbandaufzeichnung von Noel  Corbu

in der Übersetzung von Olaf Jakobskötter
 

"Die Geschichte von Rennes-le-Chateau verliert sich im Dunkel der Zeiten. Man kann ohne Zweifel sagen, dass dieses Plateau immer schon besiedelt gewesen ist. Einige Historiker haben geschrieben und festgelegt, dass RLC eine Gründung der Westgoten aus der Zeit des 5. Jahrhunderts sei. Das wird durch die Menge von viel älteren Spuren widerlegt, die man im Boden gefunden hat und die aus prähistorischer, paläolithischer oder neolithischer, iberischer, gallischer und gallo-römischer Zeit stammen. Ihre Fülle und ihre Verschiedenheit bezeugen unbestritten, dass RLC schon lange vor den Westgoten eine große Stadt gewesen ist.

Corbu mit Skelett kleinAndere Historiker denken, dass RLC die Hauptstadt der Soclates gewesen sei, eines sehr starken gallischen Volksstammes, der Cäsar lange Zeit in Schach gehalten hat. Letzterer redet in seinen „Kommentaren“, wo er vom Fall ihrer [der Soclates] Hauptstadt berichtet, über das umgebende Land, und seine Beschreibung stimmt exakt überein mit dem Panorama, das man von RLC aus sieht: den Bugarach im Südwesten, den Cardou im Osten, die Terre de Becq und das Plateau des Fanges im Süden, die Aude und ihre Mäander im Westen und ihre Täler in Richtung Alet und Carcassonne. Da fehlt nichts, und man kann vernünftigerweise daraus schließen, dass RLC, bevor es eine mächtige Hauptstadt der Westgoten wurde, eine gallische, dann eine große gallo-römische Stadt, und mit Sicherheit vor dieser Epoche eine große prähistorische Siedlung gewesen ist.



Noel Corbu mit dem Skelett des "Iberischen Riesen". Ausgegraben auf dem Anwesen und ausgestellt, vor der Orangerie - bis es auf "unerklärliche Weise" verschwand



Warum hatte RLC durch alle diese Zeiten hindurch eine so große Bedeutung?

1. Wegen seiner geografischen Lage, die alle Täler beherrscht: das des Flusses Sals, der von RLC und Narbonne herkommt, das der Aude, das in Richtung Carcassonne und Sijean weist, und das in Richtung Puivert und Chalabre, und dasjenige, durch das man von RLC bis nach Spanien gehen konnte, bevor die Strasse über den Pass von Pierre-Lys gebaut wurde. Die Straße von RLC nach Spanien ist sicherlich ein romanischer Weg gewesen, weil man noch gepflasterte Abschnitte gefunden hat, und an dem Platz, den man „la rode“ nennt, hat man ein bronzenes Rad und die Deichsel eines römischen Wagens gefunden, die sich jetzt im Museum von Toulouse befinden.
 
2. Wegen der vielen Quellen, die unterhalb dieser Bergkuppe, Wasser im Überfluss spenden und die nie versiegt sind.

3. Wegen seines temperierten Klimas, das hier weniger kühl und, mit Ausnahme von Feuchtigkeit und Nebel im Winter, weniger heiß ist als in den Tälern.

27-09-2008kleinDiese drei Punkte machten aus RLC einen privilegierten Platz, eine Art Oase in dem Becken, das es beherrscht. Seit dem 5. Jahrhundert ist RLC, das sich RHAEDE nannte, eine großen Stadt. Als westgotische Hauptstadt des Razès hatte es mehr als 30.000 Einwohner. Die Rue des Bouchers beherbergte davon allein 18.000. Die Westgoten hatten die christliche Häresie der Arianer angenommen (oder: waren schon lange vorher dem Arianismus verfallen), in Berichten an den Imperator sind nur diese zwei Städte erwähnt: Rhedae und Narbonne. die Zitadelle von Rhaede nahm damals eine dreimal so große Fläche wie das heutige Dorf ein. Die Stadt erstreckte sich im Süden bis zur nächsten Bergkuppe, auf der eine weitere Festungsanlage erbaut war, die man Castella nannte. Und noch eine Wallanlage schützte Rhaede: das sind die Schlösser Coustaussa, Blanchefort, Arques, Bézu, Caderonne und Couiza.

Der Niedergang von RLC beginnt mit den Albigenserkriegen. Teilweise zerstört, wurde es unter der Herrschaft von Ludwig IX. wieder aufgebaut. Philipp der Kühne trieb das Werk seines Vaters voran, und man kann sagen, dass im 13. Jahrhundert, als der Ort nicht mehr die Bedeutung wie vorher hatte, immerhin die mächtige Zitadelle noch stand. Aber eine ziemlich verwickelte Geschichte vom Verkauf des Territoriums von Rhaede an den König von Kastilien hatte zur Folge, dass die Spanier in Septimania einmarschierten, um ihren Erwerb zurückzuerobern, und Rhaede dabei zerstörten. Nur zu Teilen wieder aufgebaut, erlebte es seine zweite Zerstörung im Jahr 1370. Das war das Ende. Rhaede erstand nicht wieder aus seinen Ruinen: nach und nach siedelten die Einwohner in die Täler um, und Rhaede, aus dem Rennes-le-Chateau wurde, war nur noch ein kleines Dorf anstelle der stolzen Stadt mit 30.000 Einwohnern.
Rennes-le-Chateau wäre sicherlich in Vergessenheit geraten, wenn ein aus Montazel, in der Nähe von Couiza stammender Priester hier nicht am 1. Juni 1885 seine Pfarrstelle angetreten hätte. Sieben Jahre lang führte Abbé Béranger Saunière hier das Leben eines armen Landpfarrers, und in seinen Archiven, in seinem Haushaltsbuch, kann man unter dem 1. Februar 1892 lesen: „ich schulde Léontine 0,40 fr; ich schulde Alphonsine 1,65 fr“, und seine Ersparnisse, die er seine „geheimen Fonds“ nennt, belaufen sich um diese Zeit auf 80,65 frs
.
In diesem selben Februar 1892 – der Hauptaltar seiner Kirche war in sich zusammengebrochen – hatte er den Rat der Gemeinde um Hilfe für die Instandsetzung des Altars gebeten, die ihm auch gewährt wurde. Beim Abbau des Altars fanden die Arbeiter in einem der Pfeiler hölzerne Behälter, in denen Pergamente lagen. Der sofort herbeigerufene Abbé nahm die Pergamente an sich, und irgendetwas muss seine Aufmerksamkeit gefesselt haben, denn er ließ die Arbeiten umgehend einstellen. Am nächsten Tag fuhr er fort, man sagt, nach Paris, aber dafür gibt es keine Belege.
Nach seiner Rückkehr ließ er die Arbeiten wieder aufnehmen, aber er ließ nicht nur den Hauptaltar, sondern die ganze Kirche herrichten, und danach nahm er den Friedhof in „Angriff“, wo er oft allein arbeitete.
Er zerstörte sogar das Grab der Comtesse von Hautpoul-Blanchefort und kratzte eigenhändig die Inschriften von der Grabplatte.

Der Rat der Gemeinde beriet sich über die Sache und verbot ihm die Arbeit auf dem Friedhof, aber das Unglück war schon geschehen, denn dieses Grab dürfte einen Hinweis enthalten haben. Der Abbé ließ um den Garten vor der Kirche Mauern bauen; in einem anderen kleinen Garten benutzte er einen prächtigen, in westgotischem Stil gehaltenen Pfeiler vom Altar, den er beschädigte, indem er „Mission 1891“ in ihn eingravieren ließ, um N.D. de Lourdes zu unterstützen. Er ließ das gesamte Pfarrhaus restaurieren; dann, 1897, befahl er den Neubau des Hauses, des Turmes, des Rundweges, des Wintergartens, und alles das kostete ihn 1900 eine Million, was heute 250 Millionen wären. Er richtete das Haus und den Turm prunkvoll ein. Sein Lebensstil war fürstlich. Abbé Saunière empfing jeden, der kam, und jeden Tag gab es ein Fest. Der Verbrauch von Rum, den er direkt aus Jamaika oder Martinique bezog, belief sich auf bis zu 70 Liter pro Monat. Von den Likören und Weinen gar nicht zu reden. Die Enten wurden mit Keksen gemästet, damit sie besonders fein wurden. Er war ein echter Sybarit .

Ein Jahr lang bewirtete er Monseigneur Billard, der, wie die Leute in der Gegend sagten, ziemlich zufrieden wieder abfuhr. Monseigneur Billard war über das Leben seines Priesters sehr erstaunt, aber er sagte nichts. Sein Nachfolger Monseigneur de Beausejour allerdings verlangte sofort eine Kostenaufstellung von Saunière und berief ihn nach Carcassonne, wo er sich rechtfertigen sollte. Der aber wollte nicht reden und gab vor, krank zu sein und deshalb die Reise nach Carcassonne nicht machen zu können. Zur Bekräftigung seiner Aussage legte er Atteste von Dr. Rocher, Arzt in Couiza, vor, falsche Atteste, denn es gibt einen Brief des Dr. Rocher, der im wesentlich dies besagt: „Mein lieber Freund, ich schicke Ihnen hier das erbetene Attest. Es wäre mir ein Vergnügen, Ihnen zur Zufriedenheit gedient zu haben“.
 
Abbé Saunière konnte zwar nicht nach Carcassonne fahren, aber ins Ausland konnte er unterdessen reisen; nach Spanien, in die Schweiz und nach Belgien. Das waren absolut geheime Reisen, und um den Bischof irrezuführen, hinterlegte er bei seiner Haushälterin und Vertrauten, Marie Dénarnaud, fertige Briefe solchen Inhalts: Sehr geehrte(r) "Madame“ oder „Monsieur“ oder „Mademoiselle“, „ich habe ihren Brief erhalten. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich für lange Zeit nicht antworten kann, aber ich muss an das Sterbebett eines Mitbruders eilen. Auf sehr bald“, Unterschrift „Saunière“. Marie Dénarnaud öffnete die Post, und wenn ein Brief eine Antwort erforderte, tat sei einen dieser Briefe in einen Umschlag und schickte ihn dorthin. Für alle Welt hatte der Abbé Rennes nie verlassen.

Monseigneur de Beauséjour, der empört darüber war, dass er von seinem Priester keinerlei Auskünfte erhalten konnte, beschuldigte ihn 1911 des Handels mit Messen und enthob ihn seines Amtes. Das war eine Verurteilung in Abwesenheit. Der Vorwurf des Handels mit Messen war nicht stichhaltig, denn Messen kosteten 0,50 fr, das heißt, damit konnte der Abbé seine Ausgaben nicht decken. Aber es war das einzige Mittel, das Monseigneur de Beauséjour hatte, um seinen Priester in die Enge zu treiben. Abbé Saunière beugte sich dem Urteil nicht und rief sofort den Vatikan an. Er nahm sich zu seiner Verteidigung einen kirchlichen Anwalt, den Kanoniker Huguet, der auf Kosten der Pfarrei nach Rom reiste. Der Prozess dauerte zwei Jahre und endete mit einer Einstellung des Verfahrens, der Vertreter der Anklage konnte nichts beweisen. Aber durch den Bischof informiert über die Prachtentfaltung und den Lebensstil des Abbé, verlangte Rom nun seinerseits Erklärungen, die der Abbé abermals verweigerte. Und das war es, warum er dann am 11. April 1915 mit dem Vorwurf der Aufsässigkeit und des beleidigenden Verhaltens gegen seine Vorgesetzten von neuem und nun endgültig seines Amtes enthoben wurde. Indessen ließ man Abbé Sauniére wissen, dass man, falls er öffentlich Abbitte leisten würde, eine Strafmilderung in Betracht zöge. Man würde sehen.
Aber der gekränkte Abbé wollte von allem nichts mehr hören, weder vom Bischof noch von der Kirche. Schon des Amtes enthoben, hatte er, um dem Bischof zu kontern, das Pfarrhaus für 99 Jahre gemietet. In der kleinen Kapelle, die er sich hatte bauen lassen, las er die Messe, und ein großer Teil der Bevölkerung von RLC kam, sie zu hören, während der reguläre, vom Bischof ernannte Priester, der, weil niemand ihn hören wollte, im vier Kilometer entfernten Couiza wohnen musste, seine Messen in fast leerer Kirche hielt.

Während seines Streits mit der Kirche hatte Abbé Saunière nicht mehr gebaut. Aber als das alles vorbei war, nahm er seine Projekte wieder auf: den Ausbau der Straße von Couiza nach RLC, weil er vorhatte, sich ein Auto zu kaufen; eine Wasserleitung für alle Einwohner, den Bau einer Friedhofskapelle, eines Walls rund um RLC, eines 50 m hohen Turms, um zu sehen, wer kommt, mit einer Wendeltreppe im innern, einer die Treppe begleitenden Bibliothek und einer Art Wintergarten auf einer Etage des Turms. Alle Kosten und Arbeiten beliefen sich auf 8 Millionen, was heute 2 Milliarden Francs wären. Und am 5. Januar 1917 akzeptierte er die Kostenvoranschläge und gab den Auftrag zu diesen Arbeiten.
 
Aber am 22, Januar, 17 Tage danach, hatte er sich auf der Terrasse erkältet, bekam einen Herzanfall, der, verkompliziert durch eine Leberzirrhose, zum Tode führte. Kurzum, er starb an diesem Tag. Man setzte ihn im Salon in einen Lehnstuhl, wo er, bedeckt mit einer Decke mit roten Troddeln, einen ganzen Tag lang ausgestellt wurde. Aus Verehrung für ihn schnitten Leute, die kamen, sich die Troddel ab und nahmen sie mit. Er wurde auf dem Friedhof in dem Grab beerdigt, das er für sich zu bauen begonnen hatte.

Die Familie Saunière war sehr beschäftigt, sein Erbe an sich zu bringen, aber Abbé Saunière hatte alles geregelt und in die Hände seiner Haushälterin gelegt, und sie war und blieb die rechtmäßige Eigentümerin, so dass die vermeintlichen Erben abziehen mussten.

Marie Dénarnaud, die beim Tod des Pfarrers noch sehr hübsch war, wurde zu einem Inbild der Strenge. Sie zog sich ins Pfarrhaus zurück, lebte absolut einsam und rührte sich nicht mehr von der Stelle. Sie ging nicht ein einziges mal mehr nach Couiza. In all den Jahren weigerte sie sich, das Anwesen zu verkaufen, aber das Alter kam, sie konnte es nicht mehr beaufsichtigen und unterhalten, und so kam es Schritt für Schritt zu Zerstörung und Plünderung. Seltene Bücher, Briefmarken, Kunstwerke, alles wurde gestohlen. Schließlich entschloss sie sich doch und verkaufte ihr Gut 1947 an Herrn und Frau Corbu, die den alten Landsitz in das Hotel „la Tour“ verwandelten.

Zu dem Schatz, den der Priester offensichtlich gefunden hatte und von dem noch ein großer Teil existieren dürfte, geben uns die Archive von Carcassonne Auskunft: Blanche von Kastilien, die Mutter des heiligen Ludwig und Regentin Frankreichs während der Kreuzzüge ihres Söhnes, hielt Paris als Ort für die Aufbewahrung des königlichen Schatzes für zu unsicher, weil die Barone und die kleinen Leute gegen die königliche Macht revoltierten. So kam es zu dem berühmten Aufstand der Pastoureaux. Sie ließ daher ihren Kronschatz von Paris nach Rennes schaffen, schlug dann den Aufstand nieder, hatte damit Erfolg und starb wenig später. Der heilige Ludwig kam vom Kreuzzug zurück, reiste gleich wieder ab und starb in Tunis. Sein Sohn, Philipp der Kühne, dürfte den Aufenthaltsort des Schatzes gekannt haben, denn er interessierte sich sehr für Rhaede und ließ zahlreiche Festungsanlagen bauen. Man findet auch an manchen Stellen des Fundaments des Turms Anzeichen, die für seine Zeit typisch sind. Aber nach ihm gab es ein Loch in der Staatskasse, und Philipp der Schöne musste viel Falschgeld prägen, denn der Kronschatz war verschwunden. Man kann annehmen, dass er das Versteck nicht kannte.

Der Schatz wurde zweimal gefunden: 1645 fiel ein Schäfer mit Namen Ignace Paris, während er seine Schafe hütete, in ein Loch und kam mit einer Mütze voller Goldstücke in seine Hütte zurück. Er erzählte, er hätte einen Saal voller Goldstücke gesehen und wurde verrückt bei der Verteidigung der Stücke, die er mitgenommen hatte. Der Burgherr suchte mit seinen Garden die Umgebung der Stelle, wo der Schäfer hineingefallen war, vergeblich ab; der Zweite war dann Abbé Saunière mit den Pergamenten.

Nach den Auflistungen der Archive besteht der Schatz immer noch aus 18,5 Millionen in Goldstücken, was einem Gewicht von ungefähr 180 Tonnen entspricht, und aus zahlreichen Juwelen und religiösen Gegenständen. Sein Wert entspricht, nach diesen Auflistungen, mehr als 50 Milliarden. Aber wenn man seinen historischen Wert zugrundelegt – ein Goldstück aus dieser Zeit ist 420.000 Francs wert – kommt man auf einen Gesamtwert von ungefähr 4000 Milliarden. (ca. 650-700 Mrd. €.; O.J.)

In diesem bescheidenen Dörfchen mit seinem Panorama und seiner berühmten Vergangenheit, schlummert also einer der märchenhaftesten Schätze der Welt."

Noel Corbu


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