Der Wagen von Fa

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Der Wagen von Fa


In Sichtweite von Rennes-le-Château lagert auf einem Hügel oberhalb des kleinen Ortes Fa, die alte Wisigotenfestung, von der heute nur noch ein trutziger, viereckiger Turm und ein paar wenige Mauerreste Zeugnis ablegen. Wie eine Andeutung dessen, was für Geheimnisse diese weitgehend vergessene, abseits gelegene, Burg bewahren mag, erscheint die Geschichte eines spektakulären Fundes, den ein Bauer des Dorfes im Jahr 1740 machte, als er das Feld eines gewissen Mr. Cayrol bestellte.. Mit seinem Pflug riss der Bauer zwei bronzene Räder aus dem Boden. Viel hätte nicht gefehlt und er hätte sie verärgert unter das Gestrüpp am Feldrain geworfen, wenn er nicht – weniger wegen ihres merkwürdigen Aussehens – auf den Gedanken gekommen wäre, die zwei Stücke, die aus einem Buntmetall bestanden, bei nächster Gelegenheit zu ein bisschen Geld zu machen. Doch der Tischler in Esperaza, dem das Bäuerlein seine Funde anbot, wollte lediglich einen Ecu für das Altmetall bezahlen, was dem Bauern zu wenig erschien. Er erwartete mindestens 3 Ecu, als er die Räder mehreren Giesern in Limoux  und sogar in Carcassonne anbot, als sein Weg ihn dort hin führte. Vergebens, wie er feststellen musste. Den Giesern waren die Räder zu stark korrodiert. Darauf hin warf der Bauer seinen Fund in die Gerümpelecke irgend eines Schuppens, wo sie für die nächsten fünf oder sechs Jahre liegen blieben.

Erst mit dem Auftauchen eines Pfarrers in Fa, der unter den Landleuten als Liebhaber und Sammler „alter Briefe“ bekannt war – unter den Honoratioren als ein reputierliches Mitglied der Akademie von Toulouse –  kamen die alten Bronzeräder wieder ins Rollen. Sein Name war Abbé Bertrand. Der Abbé, auf seiner Jagd nach alten Urkunden und nach Antiquitäten überhaupt, ward von „Leuten“ an den Bauern verwiesen, der nun doch wieder seine Fundstücke hervorsuchte, um sie dem Abbé für zwanzig Ecu anzubieten. Der versprach dem Bauern, mit einem Freund in Toulouse über die Angelegenheit reden zu wollen. Und genau das tat der Abbé schon bald nach seiner Heimkehr. Schriftlich setzte er sich mit einem Freund, dem Antiquitätensammler Mr. de Saint-Amand, in Verbindung. Dieser war sich sofort im Klaren darüber, dass man es hier vermutlich mit einem bedeutenden Fund zu tun habe. De Saint-Amand liess keine unnütze Zeit verstreichen. Er suchte den Bauern in Fa auf und gelangte so für ein Trinkgeld in den Besitz der Räder.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um zwei Räder eines Kampfwagens aus der Bronzezeit, oder vom Beginn der Eisenzeit. Datiert wurde der Fund auf etwa 700 v.u.Z. Jedes der beiden Räder aus Bronzeguss, hatte einen Durchmesser von 55 cm. Ihre Felgen wiesen ein zylindrisches Profil auf und umschlossen sternförmig angeordnete Speichen, welche von einer 39 cm im Durchmesser messenden Nabe ausgingen, die als eine spheroide Masse mit zylindrischen Verlängerungen ausgebildet war. Jede einzelne Speiche war reich verziert mit einem Fries und dreiteiligem Netzmuster, in dem fünfzackige Sterne zu sehen waren. Zeugnisse vollendeter Handwerkskunst der keltischen Bronzegiesser. Denn an einem keltischen Wagen sollen die Räder nach Ansicht der Fachleute montiert gewesen sein.

Der Sammlerstolz des Antiquitätenhändlers aus Toulouse verlangte schon bald nach gebührender Anerkennung in Sammlerkreisen. Er liess Zeichnungen der Stücke anfertigen, die er seinen Kollegen zuschickte. Basierend auf jenen Zeichnungen, entstanden in der Folge zahlreiche Stiche und Lithographien, die sich in Windeseile in ganz Europa und Nordamerika verbreiteten.


Rad von Fa
Neider entfachten bald eine Debatte, indem sie u.a. geltend machten, dass die Fundstücke eher Bestandteile eines Triumphbogens gewesen seien etc. Ungeachtet solcher Einwände gingen bei de Saint-Armand die ersten Kaufangebote von in- und ausländischen Interessenten ein. Sogar ein sehr ernst zu nehmendes Angebot aus dem Vatikan, von Papst Benoit XIV lehnte der Sammler ab, weil der seine gesamte Kollektion im Fall seines Todes an die Akademie in Toulouse weitergeben wollte. Aus erbrechtlichen Gründen zerschlugen sich diese Pläne später jedoch, obwohl das Testament des Mr. de Saint-Armand eine entsprechende Klausel enthielt. Statt dessen blieb der Toulouser Akademie, die an den Rädern natürlich ausserordentlich interessiert war, nichts anderes übrig, als die Stücke von den Erben käuflich zu erwerben. Bis zur grossen französischen Revolution blieben die Bronzeräder im Besitz der Akademie, wo sie in der Bibliothek einen Ehrenplatz innehatten. Ein Dekret aus dem Jahr 1791 verfügte die Auflösung von Gesellschaften unter die auch literarische und akademische Körperschaften fielen. Sie hatten alle ihre Güter zu Gunsten der Nation zu veräussern. Man fand jedoch Mittel und Wege. Ein Mann – „Freund der Wissenschaften“ ,  mehr weiss man nicht von ihm, weil es in gewissen Zeiten vorteilhafter erscheint, nicht all zu viel zu wissen – kaufte die kostbaren Räder an, um sie als Spende an das Musée Saint-Raymond in Toulouse zu übergeben, wo man sie heute noch besichtigen kann.

Im Jahr 1900 bildeten die Wagenräder von Fa, neben dem Eiffelturm einen Glanzpunkt auf der Pariser Weltausstellung.

Bezeichnenderweise hat man sich anfangs so gut wie keine und später auch nicht viel mehr Gedanken über den Fundort und die Fundumstände gemacht. Nicht einmal die exakte Fundstelle ist bekannt. Heute noch streiten die beiden Gemeinden Rennes-le-Château und Fa darüber, auf wessen Territorium die Fundstelle liegt. Vor etwa 40 Jahren unternahm der Archäologe Gibert einen Versuch, Klarheit in die Sache zu bringen. Da der Name des Grundeigentümers bekannt ist, aus dessen Acker die Räder zutage gepflügt worden waren (le sieur Cayrol), durchsuchte Gibert die in Frage kommenden Urkunden und Katastereinträge für beide Ortschaften. Resultat: Eine Urkunde aus dem Jahr 1743 bestätigt für die Gemeinde Fa einen „sieur Cayrol“ – Bürger, Besitzer von zwei Häusern, einem nicht genauer bezeichneten Gebäude, einer Mehlmühle und 25 Grundstücken. Im Gemeindearchiv von Rennes-le-Château dagegen fand sich nicht die leiseste Spur eines Herrn mit dem Namen Cayrol.

Dem Archäologen Gibert gelang es im Rahmen seiner diesbezüglichen Recherchen aber noch andere Hinweise zu entdecken, die es erlauben, den Fund aus dem Jahr 1740 etwas besser zu beurteilen. Zunächst einmal meinte er die tatsächliche Fundstelle relativ zuverlässig eingrenzen zu können, welche mit einem Platz identisch wäre, der früher den Namen „les carrières“ (die Steinbrüche) trug. Befand sich an der Stelle eventuell ein reich ausgestattetes Grab? Im Umfeld von Fa lassen, meiner Meinung nach, zwei oder auch drei Stellen im Gelände  den Schluss zu, dass sie als kleine Steinbrüche für den Bedarf im Ort dienten. Wenn man berücksichtigt, dass dicht bei einem dieser Plätze geackert worden ist, dann liesse sich die Wahl noch weiter eingrenzen. Es ist also möglich, wenigstens den ehemaligen Acker zu bestimmen, in dem die Räder lagen.

BRONZEWagen Panther kleinDoch in diesem Acker lagen noch weitere unschätzbar wertvolle Stücke und einige davon sind vierzig Jahre nach dem Fund der Räder tatsächlich entdeckt worden. Etwa im Jahr 1780 kam eine Skulptur aus Bronze zum Vorschein. Sie zeigt einen Löwen, der einen Reiter auf seinem Pferd bedroht. In dem Fall war der Finder schon etwas schlauer und warf das Stück nicht auf den Gerümpelhaufen, sondern bot es gleich dem Musée Saint-Raymond zum Kauf an. Dort zögerte man nicht erst lange. In einem Gutachten beschrieb der Archäologe Roschach die bronzene Skulptur als Teil der Verzierungen ein und desselben Kampfwagens, von dem das Museum bereits die Räder besass. Es sei nicht verschwiegen, dass Roschachs Expertise wiederum Kritik und auch Angriffen ausgesetzt war. Dennoch liess der Mann sich dadurch niemals von seiner Überzeugung abbringen. Er legte sich sogar noch fester, indem er sich darin sicher behauptete, dass in dem Feld bei Fa noch das Gegenstück zu der Löwendarstellung unter der Erde liegen müsse, da es sich bei dem gefundenen Stück lediglich nur um eine Hälfte einer symmetrischen Arm- oder Rückenlehne handeln würde. (Beziehungsweise die linke oder die rechte Lehne)



Das Gegenstück zu der Arm- oder Rückenlehne wartet heute noch auf seinen Finder. Doch nur wenige Jahre nach dem Lehnenfund, im Jahr 1804, „erschien“ an der Oberfläche des Feldes am Steinbruch ein weiteres Teil des keltischen Wagens – seine Deichsel. Die gelangte zunächst in die Hände eines italienischen Händlers, in Limoux. Von diesem erwarb sie schliesslich der Konservator des – wir ahnen es schon – des Musée Saint-Raymond in Toulouse.


Prof.ren. asmodeus

 

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